Sie bringen sie jetzt einfach mit auf den Balkon. Die großen Riesen-Flauschkugeln, so groß wie die eifrigen Eltern, die unermüdlich weiterfüttern. Der Fünf-Kilo-Futter-Eimer nähert sich dem Ende zu.
Sie fliegen und füttern bis in die Dunkelheit.
Bildbeschreibung: Junge hungrige Meise wartet auf ihre Fütterung
Während der menschenveranlasste Flugverkehr über meinem Balkon immer noch auf niedrigem Niveau verharrt, entwickelt sich der naturveranlasste Flugverkehr prächtig.
Ich fülle die Futtersäule morgens und abends und erhöhte die Zahl der mit Vogelfutter gefüllten Kokosnüsse um 100%. Sie fliegen und fressen und fressen und fliegen und sortieren und fressen und fliegen. Zwischen durch verjage ich die Tauben. Dazu bin ich als Mieterin verpflichtet. Eine Taubenzucht darf hier nicht entstehen. Aber der Buntspecht kommt wieder! Und der große schwarze Krähenvogel. Aber meistens sind es die Meisen. Sie tanzen ihre Tänze, kommen alleine, zu zweit, zu dritt oder im Schwarm.
Sie fliegen in den Sonnenuntergang. Sie haben etwas zu erledigen.
Geduld, Geduld, Geduld. Ich fühle mich abgehängt und ungerecht behandelt. Ein Schmollkind, das über den Verstand nicht mehr zu erreichen ist. Zurück geworfen auf irgendein diffuses, dunkles Gefühlchaos.
Angst. Panik. Zorn vielleicht auch. Dann wieder ist mir für Stunden alles scheißegal. Dabei war das von Anfang an klar: Mir gelingt es doch nicht mal an einer vollen Theke ein Bier zu bestellen. Wieso sollte das jetzt beim Impfen anders sein?
Sturmtief in Aktion. Der Wind braust um die Häuser und schüttelt die Bäume kräftig durch.
Heute verstand ich endlich, warum der riesige schwarze Krähenvogel sich immer auf meinem Balkon setzt und sich reckt und streckt. Er geht an die gefüllt Kokusnuss! Vom Küchenfenster aus konnte ich die nie sehen, deshalb entging mir der banale Grund für den regelmäßigen Auftritt mit erhebender Pose.
Die Tage sind lang und anstrengend. Ich laufe morgens in die Stadt durch den sanften Regen. Die Vögel schlagen Alarm und am Himmel leuchtet ein Silberstreif. Zähle die Tage, zähle die Impfungen, zähle jeden Hoffnungsschimmer.
Kaum zu glauben, dass jemals alles gut gewesen sein soll.
War es wahrscheinlich nie.
Die Flieger fliegen wieder über Israel und dem Gazastreifen. Krieg. Fast schon komplett verdrängt. Jetzt ist er wieder da.
Seit ein paar Tagen geht mir ein Gedanke durch den Kopf, der immer wieder kommt. Obwohl ich ihn jedesmal heftig und nachdrücklich verjage: Was wäre gewesen, wenn der Krankheitsverlauf von Covid zwar prozentual genauso tödlich verlaufen würde, aber keine Intensivbehandlung in Frage käme? Wenn es genauso viel Ansteckungen, Todesfälle und Longcovid-Symptome usw. gäbe, ein Teil der erkrankten Menschen aber einfach nach einer kurzen Krankheitszeit sehr plötzlich verstürben?
Sie hätten die Pandemie dann laufen lassen, sie hätten die Menschen sterben lassen, da bin ich ganz sicher. Sie hätten sie geopfert, genauso wie einige es am Anfang der Pandemie ja auch diskutieren wollten. Das ist der Punkt, an dem ich diesen Gedanken hartnäckig wegschiebe, damit sich das Szenario nicht weiter in meiner Seele festfrisst. Es ist zu stimmig. Zu präsent. Und auch dann wären ja später auch die jüngeren Menschen gestorben oder eben mit Longcovid sehr krank geworden. Es wären so viele mehr geworden.
Diese Politik ist so durch und durch verroht, dass mir davor graust.
Sorry, hier sind die Themen immer noch etwas düster. Düsterer als meine persönliche Stimmung. Selbst beim Thema Impfen bin ich gelassener geworden. Obwohl ich es mittlerweile sehr zynisch finden, dass ich japsend unter der FFP2-Maske mir die Held*innen-Geschichten anhören soll, wer wie wo was gedreht hat, um an seinen Impftermin zu kommen.
Nun ja, ich harre der Dinge, die da kommen und lese in der Zwischenzeit mit Vergnügen die schäumenden Statements der verschiedenen Kassenärtzlichen Vereinigungen. Sie sehen mit jeder im Impfzentrum verimpften Dose ihre Einnahmen wegschwimmen. Dabei sind die Impfzentren doch der letzte Garant dafür, dass wenigstens ein Teil der Priorisierungen korrekt läuft.
Nach der Pandemie könnte Deutschland ruhig mal darüber nachdenken, dass eine zusätzliche staatliche medizinische Infrastruktur im Gesundsheitswesen durchaus Vorteile hat.