Zu Beginn der Pandemie hab ich mit mir einen Deal geschlossen und mir versprochen, dass ich mich nicht über das Corona-Verhalten meiner Mitmenschen aufrege. Erstens, weil sie vielleicht Gründe für ihr Verhalten haben, die sich mir nicht gleich erschließen. Zweitens, weil ich auch nicht allwissend bin und meine Auslegung der Regeln vielleicht daneben ist. Drittens, weil ich eine regelbesessene Person bin, die Regelverletzungen nur schwer erträgt und das für die Corona-Zeit rund um die Uhr Aufregung bedeutet hätte. Viertens, weil ich nie vergessen wollte, dass einzig und allein die Politik, die Verantwortung trägt, weil sie nicht die einzige verantwortungsvolle Strategie einschlug, die in dieser Situation angemessen gewesen wäre. Die NoCovid-Strategie.
Bis auf wenige Ausnahmen ist mir das gelungen. Nur wenn meine Angst überhand nahm, fing meine Wut an, sich ihren Weg zu Bahnen. Zwei- oder dreimal war das in all diesen langen Monaten.
Das Schlimmste an der Pandemie bleibt für mich, das destruktive Politikgeschrei. Jetzt wieder dieses Gezerre um angebliche Rückgabe der Freiheitsrechte für Geimpfte. Sind doch nur ein paar Wochen, sagen die, die jede steile Kurve für eine Exponentialfunktion halten. Addieren können sie auch nicht. Im Besten Fall sieht die Rechnung für Nichtpriorisierte ganz anders aus.
Es ist nicht eine Frage von Wochen bis die letzten Impfwilligen den Status „Durchgeimpft“ erhalten, sondern von gut einem halben Jahr. Registrierung im Juni, erster Termin Juli oder August, zweiter Termin bei Astra dann Okt oder Nov, dann noch zwei Wochen drauf.
Hauptsache bis dahin ist die Demokratie gut durch geschmort.
Scheint ja aktuell die Hauptaufgabe von Politik und Medien zu sein, die Reißfestigkeit der Gesellschaft zu testen.
Auf französisch heißt das Impfzentrum Vaccinodrôme. Hört sich gleich viel weltläufiger und freier an.
Mir ist die Schutzzone von Nora Bossong über den Weg gelaufen. Ich lese wie gebannt in diesem Roman und denke mir: Wie gut kann eine schreiben! Und dann noch diese gewichtigen Themen. UN, Friedensverhandlungen, Bürokratie, Massaker, Liebesgeschichte in lyrischer Sprache. War mir nicht klar, dass das möglich ist.
Außerdem erinnerungswert: Trauriger Todestag von Clara Immerwahr. Die erste in Deutschland promovierte Chemikerin und spätere Ehefrau von Fritz Haber, die sich das Leben nahm. Auch über sie gibt es noch so viel zu wissen.
Mein Leben liegt aufgefächert in mir in Erinnerungsschubladen. Sortiert nach Lebensdekaten und allerlei Kategorien. Kindheit, Jugend, junge Erwachsene, Trennung, Zweisamkeit, Freundschaft, Urlaub, Büro Büro, Herkunftsfamilie und noch einigen anderen. Seit einiger Zeit ist die Kategorie Alter dazugekommen. Sie wächst sehr schnell an.
In diesen Erinnerungen blättere ich. Ein riesen Schatz, der mein Leben kostbar macht. Die Zukunft, die vor mir liegt schmilzt unaufhaltsam davon. Und sie wird beschwerlich werden. Ab und an erhaschen ich einen Blick in das Zukunftsfenster und erahne, was es für mich bereit halten könnte.
Jedenfalls pflegte und hegte ich meine Erinnerungsschätze ein Leben lang. Eine Altersgabe für mein Alters-Ich? Ich pflanzte einen Erinnerungsgarten. Für mich. Alles nur für mich.
Heute Morgen ist ein Rotkehlchen vor mir hergehüpft. Von einem Pfosten bis zum nächsten. Immer wenn ich näher als 1m kam, flog es zum nächsten Pfosten.
Kam mir vor wie eine Märchenprinzessin, die einen Wunsch frei hat.
Vier Tage schweigen in der Sammelmappe ist unüblich und nicht beabsichtigt. Liegt aber daran, dass mich die ewig gleichen Themen beschäftigen. Die ewig gleiche Ignoranz. Sie tritt jetzt gar in tausend verschiedenen Facetten auf. Es wird diskutiert und abgewogen, gefordert und zurückgerudert, aber der Kaiser ist immer noch nackt.
Es hilft nichts, laut Freiheitsrechte zu rufen, wenn das Virus sich dabei ins Fäustchen lacht.
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Gestern hab ich kurz in die mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentation mit dem Oktopus reingeschaut. Bin ungefähr bis zur Hälfte gekommen und hab mir dann den Schluss angeschaut. Mir gefallen ja so emotional überzogene Filme, Bilder oder Bücher, aber ganz ehrlich: als Märchenfilm ginge er gut durch. Als Naturdokumentation deklariert, zeigt er wie unsere Gesellschaft neben der Spur läuft.
Meine Güte! Die Fiktion liegt so deutlich auf der Hand, bekommt aber durch das vorgetragene Pathos so einen Anspruch Realität zu sein, das ist fast gruslig. Besonders weil der Film wirklich schön ist. Wunderschön. Ein wahrer Märchenfilm.
Es wird vor gerudert und wieder zurück. Noch während die Aktion der Schauspieler*innen anlief, war abzusehen, dass sich am nächsten Tag einige entschuldigen und distanzieren. Es war ebenso abzusehen, dass das Feuer entfacht sein wird und sich nicht mehr austreten lässt. Die Regierenden wird es freuen. Keiner redet mehr über Pannen, Korruption und strategische Fehler.
Unglaublich, dass bei so vielen der Verstand ausgesetzt hat.
Ich hab ein neues Notizbook begonnen. Ein Lese- und Zitate-Tagebuch. Jetzt hab ich gleichzeitig drei in Gebrauch. Ein bisschen viel, deshalb zögerte ich etwas. Aber dann wollte ich mir das Glück ein neues Heft zu erinnern nicht nehmen lassen. Die ersten Seiten sind immer so feierlich.
Ich hab seit ein paar Tagen das Gefühl, dass wir an einem Kipppunkt stehen und dass es gesellschaftlich brenzlig werden könnte. Jetzt habe ich eine Ahnung, wie so etwas in der Praxis aussehen kann.
Brandstifter*innen, die hinterher unschuldig in die Wäsche schauen und mit der Gewalt, dem Hass und dem Unglück, die sie auslösen, nichts zu tun haben wollen.
Deutsche Kulturpriviligierte. OMG.
Ganz, ganz schlimme Aktion von viele gut bezahlten Mainstream-Schauspieler*innen. Der rechte Rand jubelt außer Rand und Band.
Feststellung zum Politikversagen während der Pandemie:
Alles eine Frage der Macht.
Sie machen es, weil sie es können und verhöhnen uns mit Trauerfeiern. Diese Demokratie hat ihre Glaubwürdigkeit verloren. Vielleicht wird dieser Vertrauensverlust schwerere Schäden nachsichziehen als die eigentliche Gesundheitskrise.
Seltsame Stimmung um mich herum. Die Energien sind komplett ausgelaufen und einzelne machen schlapp. Der Rest ist dünnhäutig. Die Twitter-Timeline überschlägt sich im Grünen-Sinnesrausch. Ich mag dieses Dunkelgrün nicht. Ist in Hochglanz verpackt und muffig innen drin.
Ganz und gar nicht mein Geschmack.
Seit Wochen höre ich vor dem Einschlafen „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust und kann das als Einschlafhilfe sehr empfehlen. Eine Sicht auf und in die Welt, die schläfrig macht. Am Anfang hab ich die Folgen fünf bis sieben Mal gehört, weil ich nach ein paar Minuten einfach weggedämmert war und dachte, ich müsse doch wissen, was im Text passiert. Aber so funktioniert das nicht. Die Folgen sind nur für begrenzte Zeit in der Mediathek, ich muss also Schritt halten. Der Sprecher berieselt mich mit verlorener Zeit und ich träume mich aus meinem Leben raus.