Null Neuigkeiten heute. Genau Null Komma Null Neuigkeiten.
Es ist schwül im Büro, aber jeden Tag bin ich froh, dass ich die Hitze des letzten und vorletzten Jahres nicht mehr ertragen muss. Ich taste mich durch meine Arbeit. Sie hätte längst erledigt sein können, aber ich bin einer seelischen Verletzung erlegen. Wieder mal nicht aufgepasst und in eine toxische Falle getappt. Im öffentlichen Dienst gedeihen die toxischen Ausbrüche besonders gut.
Weiß ich doch längst. Ich sollte es in der Zwischenzeit wissen und gewappneter sein.
Wird aber in diesem Arbeitsleben nicht mehr klappen.
11 Grad wärmer als heute, soll es morgen werden, dazu regnerisch. Ich geniese jeden einzelnen Sommertag unter 30 Grad. Das gleichmäßige Plätschern des Sommerregens beruhigt Körper, Geist und Seele.
Luft zum Durchatmen. Hoffentlich auch genug Inspiration für die Schreiben, die ich morgen noch aufsetzen muss.
Gestern mache ich Urlaubspläne, heute erschrecken mich die Kurven der zweiten Welle. Ich klicke mich durch die Weltkarte und sehe zu viele zweite Wellen. Auf die Länder, die exponentielles Wachstum erwarten lassen, klicke ich nicht. Mich interessieren die positiven Beispiele. Die des Gelingens.
Es wird nicht möglich sein, sich in dieser Virenwelt eine gesunde Blase zu erhalten, die es erlaubt, unbeschwert unseren Zielen nachzugehen. Schade. Das Schicksal schenkt uns Zeit und schwengt die Fahne.
Bildbeschreibung: vierfach gekippte und gespiegelte Gleislandschaft in schwarzweiß
Notizen:
Gestern im vollen ICE dienstlich durch Hessen gefahren und versucht, die bösen Infektionsgedanken auf die Gleisstrecke zu schicken und im Nivana verschwinden zu lassen.
Auf dem Balkon spielen sich dramatische Szenen ab. Die Blattläuse sagen die Kapuzinerkresse aus, der Salbei ist ertrunken und der überfürsorglich gehegt und gepflegte zarte Dill ist über Nacht einer geheimnisvollen Attake erlegen.
Für ein paar Jahre war es mir gelungen, alle meine mobilen Endgerät mit einem Ladegerät aufzuladen. Seit dem Wechsel des Diensthandys bin ich bei stolzen vier verschiedenen Ladegeräten und Steckern für vier mobile angelangt. Kindle, Handy 1, Handy 2 und Tablet regelmäßig aufladen ist jetzt ein logistisches Projekt.
Lyrik tröstet mich durch die Tage. Vor einigen Jahren besaß ich eine Werksausgabe der Gedichte von Sarah Kirsch. Ich trug sie zum Bücherschrank an der Ecke wie so viele Bücher. Eine Maßnahme gegen meine Stauballergie und meine Besitzstandshaltung. Bücher, die in Bibliotheken zu leihen sind, braucht eine nicht zu besitzen. Denke ich heute immer noch. Selbst seit ich weiß, dass die Stadtbücherei tatsächlich viele Werke von bekannten Frauen gar nicht oder nicht mehr in ihrem Bestand hat. Von Sarah Kirsch würde ich jetzt gerne ihr Allerlei Rauh lesen. Gibt es nicht. Von Marlen Haushofer wollte ich gerne eine bestimmte Biografie lesen. Gibt es nicht. Die Tapetentür. Gibt es nicht.
Marlen Hausdorfer wäre im April 100 Jahre alt geworden. Eine Werksausgabe: Gibt es nicht.
Ich könnte das endlos fortsetzen.
Aber lieber stelle ich Beschaffungsanträge, damit wenigstens die Neuerscheinungen von Autorinnen in der Bestand der Büchereien kommen.
Ich trage die Aufzeichnungen aus der Vor-Corona- und Anfangs-Corona-Zeit nach und wundere mich, wie lange es dauerte, bis wirklich gehandelt wurde. Sieben gefühlte Tage ergeben sieben Wochen. In der Zwischenzeit haben sich meine wundgelaufenen Füße an zehn tägliche Kilometer Stadtgang gewöhnt und meine Virenphobie gewöhnt sich an die Fahrten gemeinsam mit Mitreisenden die kreativen Mund-Nasen-Schutz betreiben. Was sich bisher nicht ändert ist der Ärger über Schifahrende Pandemiereisende und Regierungen, die keine Katastrophenvorsorge betreiben. Oder Gesundheitsministerien, die den Infektionsschutz nicht im Griff haben.
Ansonsten bin ich heute versöhnlich, melancholisch gestimmt. Es gibt schlechte Nachrichten, die durch ihre Wiederholung eine Traurigkeit in mein Leben bringen. Dinge, die sich nicht ändern lassen, aber in der Seele weh tun.
Mehr als 10.000.000 Infektionen und fast 500.000 Tote weltweit. In der Zwischenzeit rechnet sich Deutschland die Zahlen schön und erfindet kreative Erklärungsansätze. Tatsache ist und bleibt: die Zahlen steigen. Wir nehmen Fahrt auf.
Ich verkrieche mich in meinen Büchern und lese viel gleichzeitig. Mal hier, mal dort, alles was ich kriegen kann. Nicht dass ich mich besonders konzentrieren könnte, aber das ist auch nicht so wichtig. Hauptsache lesen.