Journal07102020

Das Leben zurechtrupfen. Sich achtsam mit dem letzten Lebensviertel beschäftigen. Gar nicht so einfach, da eine Linie zu finden.

In meinem Innern bin ich Kind, junge Frau, Schwester, Tante, Tochter, Lernende, Erwachsene, Arbeitende, Kollegin und immer wieder auch Lesende. Manche Rollen werden mir bleiben, vieles ist jetzt schon vorbei und nur noch nicht vergessen.

Die Fülle der gewachsenen Identitäten in mir, suggeriert das weitere Anwachsen der Möglichkeiten, Chancen und Weichenstellungen. Aber so ist das nicht. Auch wenn das gerade jetzt im Arbeitsleben unter der Last verschüttet ist: der Weg wird schmaler, enger und holpriger. Am Wegesrand liegen noch zahlreiche Versuchungen, Schätzchen und Verlockungen. Aber die führen doch nur ins Gestrüpp, weit ab vom Weg ins unzugängliche Gelände.

Jetzt sind die leisen, die stillen Entscheidungen notwendig. Die behutsamen, die klugen. Die vorsichtigen Schritte. Damit ich mich noch lange an der Lebenslandschaft erfreuen kann.

Journal05102020

Frankfurt schleicht sich in den knallroten Bereich vor. 48 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner und bei mir zeigt die Corona-Warn-App zum ersten Mal eine Risikobegegnung an.

Zum Glück immer noch in grüner Farbe. Es gibt eigentlich nur eine einzige Möglichkeit für diese Begegnung, die Bahnfahrt zu meinen Eltern. Nach zwei Monaten Besuchspause. Zwei Monate sind in diesem Gesundheitsstadium viel Zeit. So wie die Infektionszahlen exponentiell ansteigen können, kann sich auch ein Gesundheitszustand exponentiell verschlechtern.

Aber Jammern gilt nicht. Kopf hoch und durch.

Krönchen noch richten, falls es eine Prinzessin trifft.

Passt gut auf Euch auf!

Journal04102020

Den Herbst hatte ich eindeutig gemütlicher in Erinnerung. Draußen keuscht der Wind und mein Regenhut zeichnet mir eine rote Linie quer über die Stirn. Immerhin: weggeflogen ist er nicht.

Das mit den roten Linien passt gut in die aktuelle Zeit. Denn es werden ständig rote Linien gezogen und überschritten. Da ist es doch eine feine Sache, sich mit körperlichen Einsatz den eigenen roten Linien hinzugeben.

Bildbeschreibung: Grünanlage im Herbst mit buntem Zaum und einer Reihe kahler Bäume

Journal031020

„Der Feind des Fortschritts ist die Tradition.“

Ich stöbere in den alten Hillerman-Krimis herum und kultiviere mein Fernweh. Und die Nostalgie.

Später hat seine Tochter Anne die Krimireihe weitergeschrieben. Diese Bücher wurden leider nie auf deutsch übersetzt.

Journal02102020

Heute morgen nur mühsam in den Tag getaumelt. Die Nachwirkungen der Allergietablette. Manchmal werde ich schwach bei frischem Brot und dann beginnt die Allergielotterie.

Frankfurt hat sich über Nacht in einen roten Bereich auf der Corona-Karte verwandelt. Bei mir kehrt eine abstrakte Sorgenwolke zurück.

In den USA hat es nun auch den Präsidenten erwischt. Wenn es in diesem Zusammenhang heißt „Der mächtigste Mensch der Welt“, zucke ich zusammen. Wer weiß schon genau, ob er noch der mächtigste Mensch ist? Den Rang laufen ihm im Moment gerade mehrere Menschen ab. Ein gefährlicher Mensch bleibt er ohne Frage.

Ausgezeichnet

kein Startschuss
am Anfang
keine Flagge
auf dem Höhepunkt
und schon gar
kein Zieleinlauf

es nennt sich Leben
und die Zeichen
muss du

suchen

Journal29092020

Dieser Tag lässt sich nicht dokumentieren ohne der 1.000.000 Toten zu gedenken, die an Corona gestorben sind.

Und das Sterben wird weitergehen. Die Menschheit ist nicht gut darin, sich umsichtig und fürsorglich zu verhalten.

In meinem Alltag versuche ich die Pandemie möglichst auszublenden. Vor allem versuche ich, andere Menschen nicht für ihr Verhalten zu kritisieren. Auch nicht innerlich. In dieser Hinsicht ist mir Twitter wirklich eine Warnung. All diese Menschen, die sich das Recht herausnehmen über andere Menschen zu urteilen und zu poltern. Ja, gibt viele Likes, wenn so hoch vom Ross nach unten geätzt wird.

Aber wer macht schon immer alles richtig? Wer kennt die Lebensrealität von Menschen beim flüchtigen Vorübergehen?

Ja, ich habe auch eine Meinung, meine festen Überzeugungen. Ziemlich starr sogar, gerade was die Infektionsgefahr anbelangt.

Aber der Nabel der Welt bin ich zum Glück noch nicht.

Und ich bin froh darüber.

Journal28092020

Tag der Orientierung. Einatmen. Ausatmen.

Möglichst an nichts denken.

Sein. Das Schwerste habe ich mir vorgenommen.

In der Nacht die Träume, die Vergangenheit und Zukunft zusammenführen.

Journal27092020

Demenz und Corona. Eine Last, die sich nur mit einer nach oben offenen Skala messen lässt.

Bildbeschreibung: SonnenblumenTanz im Wind

Journal26092020

Noch drei Grad kälter als gestern. Das Frieren nicht verlernt. Der Körper wehrt sich heftig und nimmt die rationalen Fakten nicht zur Kenntnis. Es ist immerhin zehn Grad über Null.

Erinnerungen. Völlig unmotiviert brechen sie über mich herein. Einmal in meinem Leben wurde ich als Kind mit einem Pappschild in den Zug gesetzt.

Zweimal um ehrlich zu sein, denn die Rückfahrt zählt auch.

Weiß nicht genau, was diese sechs Wochen mit mir gemacht haben. Ich hab die Freiheit der Lieblosigkeit, in der ich aufgewachsen bin, zu schätzen gelernt. Seither verachte ich alles, das unter dem Schutzmäntelchen der Liebe mit Ketten rasselt.

Lasst mich in Ruhe. Lasst mich einfach sein.