Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel
Es hat länger gedauert bis ich mich an den Roman rantraute. Ein Roman über eine Pandemie, die eine zerbrechliche Welt aus den Angeln hob. Jetzt bin ich froh, dass ich das Buch gelesen und gehört habe. Selbst in der größten Zerstörung, gibt es Hoffnung. Darin bestätigt es mich. Wenigstens das. Besonders gut finde ich, dass die Kunst darin so beiläufig ihre Existenz behauptet.
Zahlen des Tages: 179.500 und 8.228
11 % der Infektionen in Hessen betreffen das Pflegepersonal. Zuviel aus meiner Sicht. Reihentests sollen von den Krankenversicherungen übernommen werden. Also von den Arbeitnehmer:innen. Lufthansa wird mit Rekordsummen gestützt. Arme Menschen bekommen nicht einmal Geld um ihre Masken zu bezahlen. Der Kauf von umweltversiffenden Autos soll gefördert werden. Schulen bleiben zum Ausgleich in ihren versifften Gebäuden.
Die Zahlen gehen wieder nach oben. Aber durch das lange Wochenende wird das jetzt ein paar Tage wieder so aussehen, als sei alles nicht so schlimm. Dann haut es erst so richtig rein.
Du kannst staunend vor diesen Grafiken sitzen und den Kopf schütteln. So nah dran und dann alles so versieben. So nah. Es hätte klappen können.
In Frankfurt ist eine Flüchtlingsunterkunft betroffen. Neuinfektionen mit Ansage.
Noch ein Arbeitstag im Büro, dann habe ich vier Tage frei. Der erste freie Tag seit den Weihnachtsfeiertagen.
Ich freue mich drauf. Fühle eine Erleichterung. Beginne zu spüren, was für eine Last von mir genommen wird. Selbst der hartnäckige dienstliche Bullshit, der sich in mein Gemüt eingefressen hat, löst sich langsam auf. Meine Seele bekommt ihr nicht.
Zahlen des Tages: 177.574 und 8.081 Tote, sowie ca. 12.000 aktive Fälle
Bildbeschreibung: graphische Darstellung des SARS-CoV-2 Virus von Johanna Thompson
Seltsam, dass angesichts der allgemeinen Krisensituation, die persönlichen Nadelstiche trotzdem so sehr schmerzen. Harmlose Ungerechtigkeiten in einer gefährlich ungerechten Welt.
Das Virus hat sich etwas aus der Berichterstattung zurückgezogen. Nichts ist wirklich gut, aber wir üben die Fasade.
Ich werde mir meine eigenen Kontaktregeln aufstellen. Die schwierigsten Rahmenbedingungen knirschen am Arbeitsplatz. Solange die Infektionsgefahr besteht, wird es die Spannung zwischen den vorsichtigen und den Präsenztieren geben.
Corona-Himmel. Wieder einmal. Ich will nicht an die Schwere denken. Nicht an die Paketstation in Hainsberg, die geschlossen wurde, weil so viele Mitarbeiter:innen infiziert sind. Das Virus spürt zuverlässig alle Schwächen im Arbeitsschutz auf.
Bildbeschreibung: Blick auf den Teich im Ostpark, gespiegelt
Ich ertappe mich dabei, wie ich meine eine kleine Reise plane. Eine Zusammenkunft der Herzen. Vielleicht reicht mein Virenglück bis dahin.
Mein neues Tablet ist der Hammer. Soll niemand sagen, dass es Glück nicht zu Kaufen gibt.
Es gibt noch so ein klitzekleines Problem außerhalb der tragischen Weltkonstellation, das mir sehr zu schaffen macht. Das klammert sich an mein Gemüt und nagt daran. Unnötig, aber nicht auszumerzen. Wie das Virus. Einmal infiziert und Pech gehabt.
Zahlen des Tages: 175.752 und 7.938, sowie ca. 15.000 aktive Fälle.
Heute hätte die Auszählung der Wahl stattfinden sollen, an der meine berufliche Zukunft für die nächsten vier Jahre hängt. Satz mit x, nannten wir das früher. War wohl nix. Aktuell ist nicht mal der nächste Wahltermin bekannt.
4,5 Mio Infektionen auf der Welt.
Und gegen die Grundrente holen sie die alten, verknitterten Argumente heraus. Teuer ist alles immer nur,wenn es für die Armen ausgegeben werden soll.
Zahlen des Tages: 175.233, 7.897, sowie ca. 15.000 aktive Fälle.
Die Richtung ist schon mal beruhigend. Vorübergehend.
Gehe ich im Morgengrauen durch die Stadt, dann begegnen mir auf sechs km Männer in orangenen Westen, mit Besen ausgestattet oder auf Maschinen sitzend, die den Abfall des vergangenen Tages verschwinden lassen. Das Geräusch des Fegens begleitet mich von der Haustür bis ins Büro. Zwischendurch das Zischen des Wasserstrahls oder das Rotieren der Kehr- und Putzmaschinen. Die Straßen sehen aus, als hätte ein großes Happening stattgefunden. Die Überreste eines überschwänglichen Festes könnten das sein.
Wer feiert dieses Fest? Was für eine Party findet hier statt?
Mir ist erst heute morgen klar geworden, dass das, was die Menschen morgens zusammen fegen, die Überreste der To-Go-Mahlzeiten sind.
Heute ging noch einmal stark durch die Presse, wie infektiös das Sprechen in Räumen sein kann. Keine große Überraschung, nachdem schon lange klar ist, wie schlimm das Singen ist.
Mein Gott, was bedeutet das für die Schule!
Zahlen des Tages: 174.478 und 7.884, sowie 17.000 aktive Fälle.
Seit ein paar Wochen scheint diese banale Erkenntnis nicht mehr zum Allgemeinwissen zu gehören.
Alle Menschen sind verwundbar und sterblich. Dass ganz junge Menschen, das vergessen, war schon immer so. Für eine kurze Zeit im Leben sind wir alle Superheldinnen und Welteroberinnen. Aber danach reicht es doch schon wieder zum Bodenkontakt.
Unverletzlich zu sein, kommt mir genauso attraktiv zu sein, wie das Leben in einer keimfreien Glaskugel.
Zahlen des Tages: 173.824 und 7.792 sowie ca 18.000 aktive Fälle.