Das Jahr stolpert sich aus. 2020 steht auf der Matte und wirkt arrogant durch seine Symmetrie. Wie ein Fake. Ein Fake Neujahr. Herausgeputzt und blendend.
Dieses Jahr noch keinen einzigen Rückblick gesehen oder gelesen.
Früher war ich fasziniert von Jahresrückblicken. Persönliche oder die in den Medien. Ob Politik, Sport oder Klatsch und Tratsch – mich interessierten sie alle.
Heute starre ich wie gebannt auch die verbleibende Lebenszeit: Was will ich noch tun? Was will ich noch erreichen? Wird das Schicksal mir gnädig sein? Wann wird es mir das Herz aus meiner Brust rausreißen?
Werde ich stark sein? Dieses eine Mal im Leben, werde ich da stark sein?
Ich habe aus dem Vollem geschöpft. Hab im Glück gebadet. So lange Zeit.
Zieh die Eifersucht der Götter nicht auf dich!
Mach dich klein, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen.
„Bedürftigkeit ist ein menschlicher Normalzustand. Bedürftig zu sein bedeutet, dass Menschen andere Menschen brauchen. Wir brauchen die Zuwendung und Fürsorge anderer …“
Weihnachten steht für mich vor allem dafür: Den patriarchalen Dualismus von Abhängigkeit und Freiheit überwinden, Verwundbarkeiten achtsam anerkennen. Uns als Bedürftige erkennen und begegnen. Wechselseitige Sorge und strukturelle #CareRevolution pflegen.
Weihnachten allein zuhause. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Vollkommen ironiefrei halte ich mich fest an diesem Spruch. An dieser Beschreibung.
Die Stille wird ein bisschen stiller werden. Die Ruhe wird unheimlich sein. Die Wünsche werden zum Himmel flehen.
Jetzt geht es um Routine. Eine neue Routine entwickeln. Mich festhalten und daran entlang hangeln.
Nicht zu viel erwarten. Als wäre das menschenmöglich.
Fast unbemerkt und denkbar unauffällig begann der letzte Wechsel der Lebensjahreszeit. Der Übergang vom Spätherbst in den Winter verläuft unspektakulär, aber gnadenlos.
Ich genieße die letzten goldenen Tage und gehe von Tag zu Tag geiziger mit meiner Ressource Lebenszeit um.
Nur für mich.
Das wäre aktuell mein größter Lebenswunsch: Mich in den Mittelpunkt meines eigenen Lebens zu stellen.