
Das Fernsehstudio hat es ganz schön in sich. Bzw. auch nicht. Es ist heiß und stickig. Eine Zuschauerin klappt zusammen und nur weil der Autor Jakob Nolte nachdrücklich insistiert, wird kurz die Sendung unterbrochen.
Mir ist bei der Diskussion zur letzten Lesung schwindlig. Ich versuche mich an meinem Platz auf dem weißen Sofa festzuhalten. Überlege, ob ich rausgehen soll. Traue mich nicht. Bin mir nicht mal mehr sicher, wie eine das macht:
aufstehen, rausgehen, die Treppe hinunterlaufen.
Ich pausiere jetzt und verschiebe das Bloggen der Lesungen. Lieber erst entspannen und zurück legen.
Nur eins kann ich jetzt schon sagen: So viele gute Texte, das ist etwas ganz besonderes. Das habe ich noch nie erlebt.
Morgen kommen von den vierzehn Autorinnen und Autoren sieben auf die Shortlist. Fünf können dann einen Preis gewinnen.
Nur fünf – kann man in diesem Jahr dazu sagen.
Das war ein starker zweiter Tag, wenn er auch leider mit einem peinlichen ersten Text begann, über den ich mich hier diskret ausschweige.
Ally Klein brachte dann Schwung in die Veranstaltung mit einem Text, voller Atmen und Leben. Beklemmend, mit einem magischen Sog. Ich saß hinter ihr und konnte sehen, wie ihre Beine sich beim Lesen bewegten, als sei sie auf der Flucht. Ein Weltschöpfungstext, hieß es. Eine Selbstbegegnung mit Schrecken.
Die Geschichte von Tanja Maljartschuk hörte ich beim Gehen draußen im Sendegarten. Zum ersten Mal ist dort der Ton so gut, dass das er überall wirklich hörbar ist. Das war ein fast meditaives Erlebnis. Ihre Geschichte kam gut an. Endlich eine Geschichte! War der Tenor im Saal und im Internet. Eine gute Geschichte, rund und abgeschlossen.
Die beste Geschichte lieferte dann am Nachmittag Bov Bjerg mit “Serpentinen“. Die Jury war sich da ziemlich einig. Nur ihre Begründungen unterschieden sich von einander. Für mich ist die Lesart der Geschichte noch melancholischer, als die Juroren es ansprachen. Aus meiner Sicht handelt es sich um einen Vater der ständig mit seiner Depression ringt, der seine ganze Kraft aufwenden muss, um gegen den Drang zum Suizid anzukämpfen.
Zum Schluss trug dann Anselm Neft seine Geschichte “Mach’s wie Miltos!“ sehr stimmgewaltig vor. Klaus Kastberger meinte dass diese laute Geschichte in einem anderen Rahmen besser zur Geltung käme, und Hubert Winkels mag es nicht, wenn er zur Empathie erpresst wird. Nora Gominger erwähnt die durch Trauer zerstörte Biografie, die einen Menschen erfrieren lässt. Keiner erwähnt den Alkohol, der seine eigene Realitäten schafft. Auch Erscheinungen hervorruft, die sonst eher im Innern einer Persönlichkeit verborgen bleiben.
Ich bin jetzt voller Geschichten und Emotionen. Randvoll und brauche eine Pause.

Puh, jetzt bin ich ganz erschöpft von den Lesungen. Nach dem Programm bin ich noch schnell zum Supermarkt, um mir etwas zum Essen zu holen. Heute Abend gibt es ja wieder den Empfang am See bei der Bürgermeisterin.
Jetzt bleibt mir noch eine kurze Pause zum erholen. Bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich alle Lesungen hier durchgehen soll. Ich fasse vielleicht einfach zusammen.
Erstens: Bei jeder Änderung der Juryzusammensetzung merke ich, dass ich mich erst an die neue Dynamik gewöhnen muss, die zwischen den Juroren besteht. In diesem Jahr habe ich noch keine Favoritin bei ihnen. Immer wenn ich denke, oh, cool, tolle Analyse, gutes Argument, kommt kurz darauf ein Statement mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden bin. Ihr wisst schon: einige Menschen sind gerne Fussball-Bundestrainer und mir kann es kein Juror recht machen.
In der Vergangenheit war das etwas anders, aber vielleicht kommt das ja noch an Tag zwei oder drei.
Zweitens: Der Lesetag starte gut, obwohl ich ihn – trotz disziplinierten Schlangestehen – zuerst zwei Stunden stehend verbringen musste. Die ersten vier Lesungen gefielen mir gut. Jede auf andere Art, die fünfte Lesung fand ich etwas daneben und ärgerte mich natürlich über Teile der Jury, die das unbedingt anders sehen wollten. (Siehe Erstens)
Drittens: Raphaela Edelbauer – “Das Loch“ gefiel mir gut. Die Unheilsgeschichte mit der Figur des Auffüllungstechnikers ohne Innenleben. Nora Gomringer meinte dazu, dass in einem gewissen Sinn alle Männer Auffüllungstechniker seien. Die Jury war sich uneins über die Statik, ich denke, die Autorin kann noch besser werden. Die Geschichte ist solide. Sieht mir aber nicht nach einem Hauptpreis aus.
Viertens: Martina Clavadetscher – Schnittmuster hat mir sehr zugesagt. Ich habe ja bekanntermaßen eine Vorliebe für poetische Texte und wenn darin noch gesponnen und mit Text gearbeitet wird, dann mag ich das sehr. Was ich an dieser Geschichte auch mochte, war die Frauenperspektive. Eine Geschichte, die sich mit dem Weitergeben – dem erfolglosen in diesem Fall – weitergeben von Erfahrungen von einer Frauengeneration an die nächste beschäftigt. Die thematisiert, dass Frauen lange nicht gelernt haben über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen.
“So steht es geschrieben, in der Natur,
In der Bibel und im Gesetzbuch – und zwar:
Schwarz.
Auf.
Weiß,
hat jede der anderen Frauen gesagt,
und mit dem Finger so, als läse sie es nach.“
Vielleicht sollte ich über diesen Text später in Ruhe noch etwas mehr schreiben. Der scheint wichtig zu sein.
Fünftens: Der Text von Stephan Lohse – Lumumbaland hat wohl auf Twitter für Rumoren geführt. Die Perspektive des Weißen, der sich in ein schwarzen Menschen reinempfindet ist sicher heikel. Ich hab den Text in dieser Hinsicht nicht so kritisch gehört, mir ist nach den zwei vorausgegangenen Texten der Frau allerdings aufgefallen, dass diese typisch männlich Konstellation viel leichter zugänglich ist. Und zwar sowohl den Männern als auch den Frauen.
Sechstens: Anna Stern – Warten auf Ava
Hmm, Anna Stern hat mir gut als lesende Person gefallen, aber zu ihrem Text habe ich noch keine klare Meinung. Werde ihn noch mal in Ruhe lesen.
Siebtens: Joshua Groß – Flexen in Miami
Da ich keine Literaturkritikerin bin, muss ich auch keinen Verriss schreiben, wenn mir das zuwider ist. Ich kann mich zurück ziehen und einfach sagen: der Rest war Schweigen. Zur Diskussion der Jury siehe Erstens.
Ich ziehe mich jetzt zurück, sonst artet das alles in Arbeit aus.
Nachtrag
Achtens: Die Links der anderen Bloggerinnen zu den TDDL will ich noch nachtragen.
Sturmpost
Engl
Kaltmamsell
Andrea Diener
Miriam Vollmer im Podcast beim Literaturcafe

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er damit recht hat. Jedrnfalls wäre es schön, wenn Klagenfurt genau so ein Ort wäre.
Gestern war ich sehr müde und wie erschlagen nach der Intensität der Klagenfurter Rede. Bin dann im Regen nach Hause gelaufen und versuchte mich dort noch einigermaßen zu sortieren.
Überhaupt: Hier in Klagenfurt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur hat man ständig etwas zu tun. Der Zeitplan ist vorgegeben und dann muss ich dies noch aufschreiben und das noch raussuchen und rechtzeitig hier sein und später dort.
Bis zu einem gewissen Grad finde ich das ganz witzig und angenehm, diese selbst gesteckten Ziele zu erfüllen.
Nur gestern war ich einfach so unglaublich müde.
Jetzt schreibe ich mir die Lesereihenfolge raus und kuck mir die Autorinnen an, die heute lesen. Dann gehts zum Frühstück, danach Proviant besorgen, dann hoffentlich rechtzeitig zur Warteschlange für Studio.
Meine Jugend verblasst. Nicht nur in der Erinnerung. Auch die Fotos verblassen.
Ich ahnte nicht, dass die Fotos so vergänglich sind.
Die der Großeltern und Eltern sind noch scharf. Voller Kontrast in ihrem Schwarz-Weiß-Outfit.
Nur meine Jugend verblasst. Sie überzieht sich mit einem hellbraunen Ton. Passend zur Zeitgeschichte, könnte eine meinen.
Mir gefällt das gar nicht, denn parallel zum Verblassen der Fotos verblassen meine Erinnerungen. Es gibt kaum noch ein Name der SchulKameradinnen oder der Menschen aus der Ausbildung, der mir geläufig wäre. Die intensivste Zeit meines Lebens versinkt im Einheitsbraun.
Ich sehe die vielen Stapel mit Fotos durch, auf die ich einmal sehr stolz gewesen bin. Viel Geld kosteten diese Abzüge in einer Zeit, da ich kein Geld besaß. Die Fotos sind enttäuschend. Nicht nur, weil sie verblassen oder sich in ein unerträgliches Braun hüllen. Auch und vor allem, weil so viele von ihnen so belanglos sind. Wieder und wieder krame ich die Schachteln durch. Das kann es doch nicht gewesen sein? Ich bin ganz sicher, dass es noch andere Fotos geben muss.
Schönere, bessere, tiefgründigere.
Irgendwo müssen sie sein.
In meinem Herzen sind sie nicht. Da sind andere Erinnerungen.
Die verblassen gerade.
Die Hoffnung, heißt es, stirbt zuletzt.
Als sei es immer sicher, dass sie da ist.
Was doch schon die größte Täuschung ist. Die Hoffnung lebt nicht immer mit im Haus. Nicht immer mit im Dorf und auch nicht immer am anderen Ende der Welt.
Es ist unklar, wann genau sie verloren geht und kaum jemand weiß, wie man sie am sichersten vermehrt.
Ab und zu tauchen Ableger auf, die sind mit Vorsicht zu genießen. Die wurden in großen Kulturen hochgezüchtet und verenden sehr bald. Dabei hinterlassen sie eine schmerzende Leere.
Seele und Körper laufen schon lange im Überhitzungsmodus.
Die Vorbereitungen für Klagenfurt sind in vollem Gange. Wie immer kommt zur Vorfreude das leichte Unbehagen wegen der langen Zugreise. Wie immer alles eng in den Alltag reingeschnitten. Alles muss gut gehen, alles klappen.
Die Aussicht auf die intensiven Lesetage wird von meiner inneren Unruhe getrübt. Da ist das Kleid, das zu lang ist und jetzt auf die Schnelle nicht gekürzt werden kann. Da ist die ewige Angst etwas zu vergessen, etwas verpasst zu haben. Da ist das Gefühl, dass ich alles hätte anders planen sollen.
Unsinn. Selbstverständlich ist das alles Unsinn. Aber die Unruhe ist real. Sie ist da. Begründet oder nicht, sie lässt sich mit logischen Argumenten nicht verscheuchen. Sie macht sich breit und breiter.
Ich kenne sie aus anderen Zusammenhängen und weiß, dass ich sie nicht verscheuchen und vergrämen kann. Mir bleibt nur sie mit auf die Reise zu nehmen. Irgendwann auf der Reise sieht sie ein, dass sie mich nicht abhalten kann. Dann wird ihr langweilig und sie verlässt mich.
Das ist der Zeitpunkt, zu dem ich mich zurücklehnen kann und dem Rattern des Zuges lauschen.
Dann geht die Freude richtig los.
Meine Timeline hat kein Herz für Fussball-Fähnchen.
Genau darin besteht unser Problem in dieser Gesellschaft: Sie verstehen nicht, welche Lücke der Fussball füllt.
Von oben urteilt es sich immer so schön, sicher und unverzargt.
Wir haben ein Klassenproblem. Das ist ganz klar. Die einen sind im Recht und die anderen werden untergebuttert.
Da das untergebuttert zu sehr nach Opfer klingt sucht es sich andere Wege.
Es ist wie beim Wasser: es füllt alle Ritzen, findet die geheimen Spalten und seine perfideste Eigenschaft ist, dass sich einige Stoffe ganz unbedarfst damit aufsaugen. Das Wasser verschwindet im Reis und das Machtverhältnis der Klassen im Faschismus.
Von oben urteilt es sich immer so schön, sicher und unverzargt.

Die Lesungen zum Bachmannpreis rücken näher. Es gäbe so viel Möglichkeiten für mich, mich schon im Vorfeld vorzubereiten. Die Autorenvideos ansehen, die Interviews nachlesen und ansehen, die Literatur der lesenden Autorinnen und Autoren, die ich beschaffen konnte, lesen. Tausend Möglichkeiten. Aber ich schaffe es nicht. Ich schaffe es einfach nicht.
Schade, schade. Ich mag es gut vorbereitet zu sein, aber damit ist auch ein hoher Preis verbunden. Viel Zeit. Ich werde geizig mit meiner Lebenszeit. Sie verrinnt eh viel zu schnell. Ich mag mich nicht mehr hetzen lassen und lasse es doch immer noch zu. Viel zu häufig. Viel zu übergriffig.
Ach, ich freu mich jetzt einfach. Hausaufgaben können meinetwegen die anderen machen.