Alles schmeckt nach Abschied

Die Onleihe schenkt mir den Genuss der Tagebücher von Brigitte Reimann als Hörbuch. Gesprochen wirken sie noch intensiver als beim Lesen.
Diese Frau, die immer liebt. Die nur im Lieben auch leben kann. Diese Frau, die immer leidet. Ein lebendes Klischee voller Würde und mit der tiefen Sehnsucht nach Respekt.

Aus heutiger Sicht ist das Tagebuch eine unendliche Geschichte des Sexismus im Literaturbetrieb der 60er Jahre. Eine Aneinanderreihung von Belästigungen und Übergriffen für die sich Brigitte Reimann immer wieder selbst die Schuld gibt.

Und dann noch: Nanette.
Der großartige Auftritt der Hannah Gadsby gestreamt auf Netflix.

Hannah macht One-Woman-Comedy. Steht da auf der Bühne und erzählt, warum sie keine Comedy mehr machen möchte. Bringt die Zuschauerinnen zum Lachen und zum Weinen. Zum Zittern und Erzittern. Haut richtig rein in unser NormaloLeben. Macht so richtig deutlich, wie es ist, nicht dazu zu gehören.

Schaut es euch an!
Schaut es einfach an.

Dann wisst ihr welche Stunde schlägt.

Später Feierabend

Ich kann mir nicht erklären, wie ich zu dieser Hotelsuit gekommen bin. Im 8. Stock mit einer Fensterbreite von mehr als 5 m. Ungewohnter Luxus.

Gegenüber die Großbank mit ihrem Bürohochhaus. Um Mitternacht ist noch Licht in einigen Büros. Der Kapitalismus schläft nicht, denke ich bei mir. Schon gar nicht an Freitagabenden.

Ich sehe einen Mann ans Fenster treten, der sich über sein Smartphone beugt. Ob er wohl Zuhause Bescheid gibt, dass er später kommt?

Mein Vorurteil wird gleich darauf zurechtgerückt: der Mann greift nach einem Gegenstand und jetzt ist zu sehen, dass er das Büro sauber macht.

Der Kapitalismus schläft nicht, aber anders als gedacht.

Und wenn wir zu spät sind?

Ich sitze in Konferenz des Frauenrats und höre den Akademikerinnen zu, die endlich die Digitalisierung als gesellschaftliches Thema entdeckt haben.
Zum Schluss sitzen auf dem Diskussionspodium drei Politiker (ohne mitgemeinte Frauen) und zwei Verbandsfrauen und bedauern ratlos die Situation der Gleichstellung in der Digitalisierung.

Mir geht angesichts des aktuellen Sachstands in dieser Sache immer die eine Frage durch den Kopf: Was ist, wenn wir zu spät sind?
Europa rückt nach rechts, die USA rücken rechts in den Verschwörungsraum. Dort ist kein Platz für Geschlechtergerechtigkeit, für Frauenförderung, für Maßnahmen, die Geld kosten und erst in Jahren oder Jahrzehnten greifen.

Was ist, wenn wir es schlicht und einfach vermasselt haben, weil wir zu langsam sind?

Behagensminderung

Eine schlimme Behangensminderung ist das unbegreifliche Fehlen eines heißen Getränks.

Thomas Mann tut sich schwer im Exil. Allerdings nicht nur wegen dem Fehlen des heißen Getränkes im Zug.

Ich lese wie gebannt in der Literatur bzw. den Selbstzeugnissen aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie scheinen das alles noch einmal wiederholen zu wollen.
So viel Parallelen zu dieser Zeit.

Mir wird Angst und Bang.

Identifikation

Beim Lesen identifiziere ich mich mit den Hauptfiguren.

Beim Lesen von Selbstzeugnissen wie z.B. Tagebüchern und Autobiografien identifiziere ich mich entschieden mit der schreibenden Person.
Bis zum Anschlag.

Selbst bei Personen, die meiner Persönlichkeit sehr fern stehen. Für die entwickle ich eine besondere Anziehungskraft, weil sie mir so bedauernswert erscheinen.

Etwas in Verwirrung – aber nicht aus dem Konzept – bringt mich das kurz Aufeinanderlesen von Selbstzeugnisse der Konkurenten oder gar Feinden.
Identifikation von Zeile zu Zeile. Von Wort zu Wort.

Ja, das klappt.

Journal16062018

Es gibt so viel zu Lesen bei mir, dass es locker für vier Parallelwelten reicht. Oder fünf.
Der Kalender neigt sich bedrohlich seiner Mitte zu und will gefüllt werden. Kostbare Anlässe mit Bleistift auf das bunte Papier eingetragen.

Alles wird gut, sage ich mir unaufhörlich und beiße die Zähne zusammen. Der allgemeinen Dreistigkeit habe ich nichts entgegen zu setzen. Wie immer tickt der Wecker viel zu schnell und erfordert meine Aufmerksamkeit.

Das Leben rennt und manchmal fällt es mir schon schwer ihm zu folgen.
Die Atempausen werden im Lesestatus verbracht.

Geboren im Zeichen der Schnecke führe ich mein Heim mit mir.
Das beruhigt und besänftigt das aufgewühlte Gemüt.

Demokratie schwächen

Im Moment passieren wieder so viele politische Dinge, dass eine gar nicht mehr weiß, wohin sie schauen soll.
Die Sache mit den Upload-Filtern wird das Internet so richtig durchschütteln. Da bleibt uns dann wohl nur noch das Darknet zum Flanieren. Gemütliche Zeiten also, die auf uns zukommen.

Gesellschaftlich noch gravierender sind allerdings die hartnäckigen Bestrebungen, militärische und zivile Grenzen immer weiter zu verwischen, wenn es um irgendetwas geht, vor dem sie “Cyber“ davor schreiben können. Das macht Angst und rüttelt kräftig an den Fundamenten der Demokratie.

Wenn das Militär nicht mehr an seinem Platz ist, dann wanken die Machtstrukturen. Um Diebe und kleine Gauner zu fangen braucht es auch im Netz kein Militär.
Aber sie sind halt sehr geschickt. Sie arbeiten auf der emotionalen Ebene und verpacken ihre Ungeheuerlichkeiten geschickt mit dem Mäntelchen der Alternativlosigkeit.

Journal12062018

Ein Tag der bis oben hin vollgestopft war mit Kleinkram. Das ist zu tun und dies ist zu tun. Und noch was und nichts geht von der Hand.

Die Strümpfe rutschen in die Schuhe, der Regenschirm verliert seinen Griff. Die S-Bahn steht und fährt nicht weiter, die U-Bahn fällt aus.
Der Ausweis für die Bücher lässt sich nicht verlängern ohne Formular, der Seminarschlüssel versteckt sich in einer Schublade, in die er nicht reingehört.

Jetzt mache ich Pause und denke mit Schrecken daran, dass ich noch lange nicht fertig bin mit diesem Tag – oder er mir. Das trifft es vielleicht besser.

Meine persönliche ToDo-Liste wird jeden Tag länger und nirgends kann ich einen Harken dran setzen.

Aber morgen wird ein anderer Tag und morgens wird vielleicht alles gut.

Unwetter

Die Hitze macht mir schwer zu schaffen. Vor allem in der Kombination mit den schlechten Arbeitsbedingungen im Büro. Ein gewerblicher Arbeitgeber würde dafür Ärger bekommen, ein öffentlicher Arbeitgeber kann es sich über Jahrzehnte leisten, nichts an diesen Bedingungen zu ändern. Das ist rechtlich tatsächlich so. Keine Ahnung, warum mit zweierlei Mass gemessen wird.

Manchmal sehne ich jedenfalls das Gewitter herbei und erschrecke dann, wenn aus dem herbeigesehnten Gewitter gleich ein handfestes Unwetter wird.

Dann muss ich mich wie ein Kind beruhigen und mich trösten, dass es nicht meine Schuld war.

Obwohl doch immer gilt: Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst.

Streng

Mit der Anwendung von Filtern bei den Fotos bin ich ganz schamlos. Ratzfatz sind alle Falten weg.
Noch ein bisschen Wärme rein und schon ist dieses Angesicht fertig, das mir ähnelt und das ich dennoch nicht bin.
Nicht bin und nicht war.

Aber ich sehe wie im Spiegel Charakterzüge von mir.
In diesem Foto ist es die Strenge, abgemildert durch den Wärmefilter, der über dem Foto liegt.

Vielleicht beschreibt das einen charakterlichen Aspekt von mir.