Die Empfindlichen
Die Empfindlichen werden auch gebraucht …
schreibt Virginia Woolf in ihrem Tagebuch. Da sie es wissen muss, fühle ich mich heute einfach mitgemeint.
Die Empfindlichen werden auch gebraucht …
schreibt Virginia Woolf in ihrem Tagebuch. Da sie es wissen muss, fühle ich mich heute einfach mitgemeint.
Lesen funktioniert immer.
Zur Stärkung. Zum Kraft sammeln. Um Distanz zu schaffen. Mich zu orientieren. Wieder bei mir zu sein.
Lesen funktioniert. In Verbindung mit Zeit sollte ich noch hinzufügen. Viel Zeit.
Nicht dass meine Wunde geheilt wäre. Dazu ist alles noch zu frisch. Aber die Verzweiflung rückt in den Hintergrund. Das Vertrauen wächst, auch verwundet weiter machen zu können.
Das Mimosen-Seelchen wird sich nicht selbst opfern. Es wird auch nicht durch das Feuer gehen.
Und einen Panzer wird es sich auch nicht anschaffen.
Ich werde einfach weiter in meiner Welt leben. Und lesen.
Es ist nicht ganz klar, ob die Last der Welt zu sehr drückt, oder meine Schwäche sie mich nicht mehr tragen lässt. Hab mich in die Horizontale begeben, da fühlt sich das Leben etwas leichter an. Allerdings habe ich meine Urlaubstage schon anregender verbracht.
Was soll’s. Für heute bin ich jedenfalls in Sicherheit. In Kurz-Quarantäne.
Danach brauche ich dringend mehr Widerstandskraft.
Ziemlich arschiger Tag heute. Nichts zum Ignorieren. Langsam reicht es mir mit der Lebenserfahrung. Vor allem mit der fremdbestimmten.
Zwischen meinem beruflichen und meinem Privatleben klafft eine breite Lücke. Nein, nein, nein. Ich mag mich nicht anpassen.
Ist mein moralischer Standard zu hoch, dann sollen sich die Damen und Herren halt aufrichten.
Was kann ich dafür, dass ihr Rückgrat verkümmert ist?
Gar nicht so einfach zu beantworten. Was ist Liebe wert? Was ist mir die Liebe wert?
Viel. Sehr viel. Das ist schon mal klar. Die Liebe gehört zu mir und ohne Liebe ist mein Leben nicht denkbar. Ganz und gar nicht.
Manchmal materialisiert sie sich auch. Denn schließlich ist die Liebe nicht nur ein Traum.
Aber auch.
Sie ist auch ein Traum.
Aber Leben ist sie auch.
Die Liebe ist ein Leben wert.
In meinem Fall.
Nachdenken, was Träume wert sind. Meine Träume.
Träume, die sich nicht materialisieren lassen. Denn diese sind aus meiner Sicht keine richtigen Träume.
Meine Träume müssen aus leichtem Traumgewebe verarbeitet werden. Sie lassen sich vielseitig genießen und vermehren sich bei Benutzung. Manchmal lasse ich sie los, dann schweben sie davon.
Nur eins machen sie nie: sie materialisieren sich nicht.
(Das wäre ja die Stelle im Märchen, an der sich alle zu Stein verwandeln.)
In den Tagebüchern über einen Traum gestolpert. Schon so lange her. Heute aktuell.
geträumt, dass meine Geld- und Kreditkarten auf einer Konferenz gestohlen wurden. Das Handy noch dazu – A. sagte mir, es sei ein Erpresseranruf vom Handy gekommen. Wenn du nicht zahlst: veröffentlichen wir deine intimsten Gedanken. Ich würde nie zahlen können.
Zwei Verzweiflungen in einem Traum. Die intimsten Gedanken werden geraubt. Die Forderungen, werden nie einzulösen sein.
Auf Gedeih und Verderb den bösen Mächten ausgeliefert.
Die Luft riecht nach Krieg. Auch wenn sie ihn kalt nennen.
Kuscheliges Regengeräusch. Vor den Fenstern eine Panorama-Milchsuppe. Drinnen werden Granny Squares hin und her geschoben. Der gute Geist hat sich gestern etwas erschreckt und sich in die Ecke verzogen. Jetzt nicht die Geduld verlieren, sonst ist er komplett vergrault.
Vielleicht ist mir aus Kuba ein guter Geist gefolgt. Vielleicht auch ein anderes mir und der Wissenschaft unbekanntes Wesen. Anders kann ich mir die gute Aura nicht erklären, die mich umgibt seit ich wieder zurück bin.
Mit der Santeria kenne ich mich ja nicht so aus. Die scheint ziemlich kompliziert zu sein, aber vielleicht hatte die noch gute Geister übrig und hat mir großzügig einen mitgegeben.
Gestern habe ich zum ersten Mal eine komplette Datensicherung der Sammelmappe auf mein Handy gespeichert.
Die Technik schreitet voran und ich bin alt genug, das staunend mit anzusehen.
Offensichtlich bin ich auch unklug genug, im Ü50-Alter sportliche Tätigkeiten mit hohem Unfallrisiko zum ersten Mal in meinem Leben zu riskieren. ( das müssen die Wechseljahrhormone sein, denn Sport ist vielleicht kein Mord, aber gefährlich, ist sonst meine Devise)
Sonstige Veränderungen: eine gewisse Distanz zur Sammelmappe ist zu beobachten. Es fehlt die Innigkeit der früheren Jahre.
Wir sind nicht dogmatisch, sagt Antje im Podcast und ich sage: ich sammle, die Früchte ein, die am Boden liegen, auch wenn ich mit eine andere Ernte erhoffte.
Solange die Welt sich dreht, wird sie sich verändern.