Dienstag: Isolation und am Nachmittag Bekanntgabe der Uhrzeit des OP-Termin
Mittwoch: OP-Termin mit Gewebeentnahme
Diagnose dauert dann mindestens eine Woche. Wie lange die Wunde zum Heilen braucht scheint nebensächlich zu sein, denn dazu gibt es keine Informationen.
Fühle mich gleichzeitig transparent, wehleidig, verloren, nervös, aufgeregt, empfindlich und ein kleines bisschen pragmatisch.
Ich traue mich nicht mehr, hier in der Sammelmappe einen Mucks abzugeben.
Dabei wäre es so wichtig und notwendig für mich, mich an meine Angst heran tasten zu dürfen, ohne gleich wieder andere beschwichtigen zu müssen.
(Ich zähle die Tage, die Stunden. Bin nach einer vierzehntägigen Bürokratie-Parodie-Episode sogar mit einer Kopie meines Aufklärungsprotokolls versehen. Wünsche mir dringend eine Glaskugel, für die Nachsorgeoptionen. )
Countdown. Rückwärts zählen. Final Countdown wäre jetzt ein bisschen zu zynisch. Ich will ja die Hoffnung nicht verlieren und Zeit für die Dramaqueen bleibt immer noch.
Also: Konzentration, bitte.
Fokussieren sagen sie neuerdings dazu. Herausfinden, was wichtig ist für mich in dieser Situation.
Bisher ging es meistens um Gespräche. Weitergeben, was ich weiß und was ansteht. Nicht viel Informationen und doch ein Wumms. Erstmal.
Fünf Venen weiter und schon war der blutige Willen gebrochen.
Ich entschuldige mich für meine Venen. Sie passen absolut nicht zu meiner Persönlichkeit. Ihnen ist es egal, dass mein Ziel ist, eine demütige und fügsame Patientin zu sein. Wenn ich schon rein muss in die Maschinerie, dann bitte so unsichtbar wie nur möglich. Ein Hauch von einer Patientin.
Aber da habe ich die Rechnung ohne meine Venen gemacht. Sie spielen Verstecken und Maskerade. Manchmal zeigen sie sich und lachen dann drei Tropfen Blut, ehe sie kichern wieder versiegen.
In der Arbeit für Transparenz gesorgt. Soweit dieser Zustand – Sachstand – es möglich macht. Ich mag die Wispergespräche nicht und auch nicht das Geraune.
Hier stehe ich. Zusammen mit meiner Angst. Gehe den Weg, den schon so viele gegangen sind.
„Ihr Konto ist jetzt leer. Sie haben alle Bücher zurückgeben.“
Keine Bücher mehr aus der Stadtbücherei. Vorgestern hatte ich das eine noch verlängert, aber dann wollte ich mich nicht mehr um die Fristen kümmern. Zu viele andere Termine, die sich jetzt in meinen Alltag schalten.
Was ich in dieser Situation auf keinen Fall brauche, ist Ablenkung und den Anschein von Normalität. So ticke ich nicht. Ich sorge und sammle mich. Ich drehe mich im Kreis und bin mir genauer denn je über den Mittelpunkt bewusst.
Ich google „was nehme ich mit ins Krankenhaus“. Ich recherchiere Patientenzimmer. Ich wünschte, es würde mehr Anleitungen geben. Dinge an die ich mich halten kann. Die Kopie des wichtigsten Informationsblatts ist mir schon abhanden gekommen. Das, in der die Stellen für die Gewebeprobe angekreuzt waren. Irgendwie ziehen sie eine richtige Zaubershow ab mit den Papieren, die sie dir in die Hand drücken und von Station zu Station tauschen sie es wieder aus. Mit verschiedenen Unterschriften versehen. Stempel manchmal auch.
Ich ärgere mich, dass ich keinen besseren Überblick habe und weiß doch, dass das gar nicht möglich ist.
Sieht so aus, als würde ich viel lernen in den nächsten Wochen.