Journal13062022

Lange, friedliche Tage. (Wenn eine die Nachrichten ausblendet. Und das Unvermeidliche akzeptiert.)

Große Lust auf Altersleichtigkeit, aber sie hält sich noch sehr bedeckt. Werde sie erst hervorlocken müssen, bisher sind meine Kompetenzen in dieser Hinsicht noch bescheiden.

Intensives Studieren des Rentenverlauf begleitet von einem tiefen Seufzer.

Erkenntnis des Tages: In meinem Leben fehlt die Kunst. Umfassend.

Journal08062022

Jetzt bin ich wieder hier, aber meine Seele ist nicht schnell genug hinterher gereist. Das führt zu bodenloser Orientierungslosigkeit.

Morgen soll ich wieder arbeiten und weiß nicht so recht wie das geht.

Jede Bewegung fällt mir schwer und jeder Gedanke geht nur quälend langsam durch meinen Kopf.

Ich bin zuhause und erwarte mit Sehnsucht, dass Körper, Geist und Seele bald wieder zueinander finden.

Alles Liebe wünsche ich.

Journal07062022

Physischer Gesamtzustand: Fühle mich wie aus dem Weltall zurück gekehrt und fremdle noch.

Alle Glieder meines Körpers zeigen mir gerade gemeinsam schmerzhaft ihre Präsenz an und das Gemüt ist noch kräftig durchgeschüttelt. Versuche mich jetzt vorsichtig wieder in mein Leben reinzutasten.

Spektakulär

Schattenplatz in einem kleinen Park in Havanna.

Kurze Pause in Havanna.

Mein Fotos aus La Habana sind rekordverdächtig langweilig. Unspektakulär. Nicht im mindestens so, wie die Atmosphäre, die diese Stadt ein- und ausatmet.
Wie überall in Kuba gibt es auch hier nur wenig Tourist*innen. Es ist ein bisschen gespenstig. Touristenorte ohne Touristen. Ein Thema für sich.
Ansonsten sind die Menschen mit dem Beschaffen von Essen und Trinken beschäftigt. Die Pandemie wirbelt hier alles kräftig durcheinander.

Ich wünsche mir für die Menschen hier, unspektakuläre und ruhige Zeiten, die mindestens so langweilig wie meine Fotos von hier sind. Denn nicht selten sind dies die glücklichen Zeiten.

Am anderen Ende der Welt

Es ist schön hier. Keine Frage. Wunderschön. Aber traurig ist es auch. Dieser entsetzliche Mangel an dem, was ein Mensch so braucht. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Die Pandemie hat Kuba noch mal ziemlich zugesetzt. Es fehlt an so vielen Dingen.

Ach.

Claudia im Patio in Matanzas
Platz in Varadero mit blühenden Bäumen unter einem blauen Himmel

Journal21052022

Sie schickt mir ein Foto und schreibt: bald ist es ein Jahr her.

Erst in diesem Moment wird mir klar, wie sehr sich unser Leben seither verändert hat. Für einen Moment, denn noch ist nicht die Zeit, das Geschehende aufzuarbeiten. Noch machen wir uns gegenseitig auf unser Seufzen aufmerksam. „Ich möchte nicht klagen“ ist in diesem speziellen Fall der familieninterne Code, der Triggeralarm dafür, dass die Klage, die Sorge, die Trauer bis zum Himmel reicht.

Der, der am schwersten kämpft, seufzt täglich sein Mantra „Ich habe keinen Grund zum Klagen.“

Mein Gemüt ist längst bereit zu klagen.

Im nächsten Leben werde ich mit Inbrunst zum Klageweib. Ich verstehe längst, warum diese Frauen so wichtig waren.

Journal18052022

Dieser Tag schweigt mich an. Von Anfang an. Er schweigt in brütender Hitze.

Nochmal davon gekommen. Geld heilt manche Wunde. Ich weiß das sehr zu schätzen.

Sorgen mit Geldscheinen auswedeln. Manchmal geht das.

Ansonsten kann ich mich kaum konzentrieren. Ich lausche mehrmals am Tag dem, der seine Frau schwinden sieht. Nach jahrelanger Krankheit schimmert die Trauer durch. Die Panik. Nichts wird wieder gut. Wir wissen es, aber wir denken es nicht. Tabu.

Journal11052022

Heute wieder so ein anstrengender Tag im Belastungstunnel-Modus.

Dann gehen die Türen der Straßenbahn auf, der Wind wirft einen Ballen Blütenblätter in die hintere Tür und durch die Straßenbahn weht plötzlich ein Blütenblätter-Zauber.

Journal10052022

Ich packe meinen Koffer und lege eine Portion Sorge hinein.

Ich falte meine Sorgen ordentlich zusammen, damit möglichst viele von ihnen in mein Lebensgepäck passen.

Ich schichte die Sorgen und ordne sie nach der Farbe der Hoffnung.

Ich bin müde und meine Augen öffnen sich kaum.

Ich nehme mein Herz in die Hand und verschenke es.

Zeit zum Leben.

Journal07052022

Alle meine Sorgen trage ich in meinem Rucksack nach Hause. Nicht symbolisch, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Ein ganzes Bündel Papiere zusammengestellt aus der kompletten Lebensbiografie von zwei Menschen sortiert und geordnet, überprüft und verworfen und wieder neu zusammengestellt.

Pflege ist teuer. Das Geld schmilzt dahin und bald wird nichts mehr übrig sein.

Wir seufzen zusammen. Ändern können wir nichts. Es bricht uns das Herz.

So viel ist zu bedenken.

Ich fahre dann wieder.

Nehme meine Sorgen in ihrer bürokratischen Erscheinungsform mit und werde gestoppt von den „Spielenden Kindern im Gleis“. 95 min Verspätung, aber null überfahrene Kinder. Das ist wohl die gute Nachricht des Tages.