Countdown. Rückwärts zählen. Final Countdown wäre jetzt ein bisschen zu zynisch. Ich will ja die Hoffnung nicht verlieren und Zeit für die Dramaqueen bleibt immer noch.
Also: Konzentration, bitte.
Fokussieren sagen sie neuerdings dazu. Herausfinden, was wichtig ist für mich in dieser Situation.
Bisher ging es meistens um Gespräche. Weitergeben, was ich weiß und was ansteht. Nicht viel Informationen und doch ein Wumms. Erstmal.
Fünf Venen weiter und schon war der blutige Willen gebrochen.
Ich entschuldige mich für meine Venen. Sie passen absolut nicht zu meiner Persönlichkeit. Ihnen ist es egal, dass mein Ziel ist, eine demütige und fügsame Patientin zu sein. Wenn ich schon rein muss in die Maschinerie, dann bitte so unsichtbar wie nur möglich. Ein Hauch von einer Patientin.
Aber da habe ich die Rechnung ohne meine Venen gemacht. Sie spielen Verstecken und Maskerade. Manchmal zeigen sie sich und lachen dann drei Tropfen Blut, ehe sie kichern wieder versiegen.
In der Arbeit für Transparenz gesorgt. Soweit dieser Zustand – Sachstand – es möglich macht. Ich mag die Wispergespräche nicht und auch nicht das Geraune.
Hier stehe ich. Zusammen mit meiner Angst. Gehe den Weg, den schon so viele gegangen sind.
„Ihr Konto ist jetzt leer. Sie haben alle Bücher zurückgeben.“
Keine Bücher mehr aus der Stadtbücherei. Vorgestern hatte ich das eine noch verlängert, aber dann wollte ich mich nicht mehr um die Fristen kümmern. Zu viele andere Termine, die sich jetzt in meinen Alltag schalten.
Was ich in dieser Situation auf keinen Fall brauche, ist Ablenkung und den Anschein von Normalität. So ticke ich nicht. Ich sorge und sammle mich. Ich drehe mich im Kreis und bin mir genauer denn je über den Mittelpunkt bewusst.
Ich google „was nehme ich mit ins Krankenhaus“. Ich recherchiere Patientenzimmer. Ich wünschte, es würde mehr Anleitungen geben. Dinge an die ich mich halten kann. Die Kopie des wichtigsten Informationsblatts ist mir schon abhanden gekommen. Das, in der die Stellen für die Gewebeprobe angekreuzt waren. Irgendwie ziehen sie eine richtige Zaubershow ab mit den Papieren, die sie dir in die Hand drücken und von Station zu Station tauschen sie es wieder aus. Mit verschiedenen Unterschriften versehen. Stempel manchmal auch.
Ich ärgere mich, dass ich keinen besseren Überblick habe und weiß doch, dass das gar nicht möglich ist.
Sieht so aus, als würde ich viel lernen in den nächsten Wochen.
Das Bedürfnis über Tage und Wochen zu schweigen. Schweigend diese Zeit begleiten. Die Pandemie, der Krieg, die Inflation, die schwindende Welt des Wohlstands.
Das Bedürfnis, den Kopf aus Fassungslosigkeit zu schütteln, schon lange verloren. Zu viel Energieverlust. Zu abgestumpft.
Das Bedürfnis, die Welt aus den Angeln zu heben und sie neu zu justieren. Jetzt noch einmal neu beginnen. Ein sinnloser Traum.
Zum Dokumentieren gibt es genau einen Punkt: Berichte, die von den Missständen in der Pflege oder der Medizin handeln, sind nur die Tropfen, die überlaufen. In Wirklichkeit rollt längst eine Flutwelle über die Gesellschaft. In der Realität und im Einzelfall ist alles tausenmal schlimmer.
Doch. Ich fand die Konzentration zu den Lesungen in Klagenfurt vor dem Fernseher. Allerdings nicht die Konzentration, um sie hier in der Sammelmappe zu dokumentieren. Es gab einige wenige Texte, die ich sofort in mein Herz schloss, einige die Achselzucken bei mir hervorrufen und auch welche, die ich unfassbar flach fand.
Bei der Jurydiskussion schalte ich innerlich oft ab. Früher konnte ich mich da voll emotional reinhängen, heute sehe ich eher die durchsichtigen Verstrickungen und wende mich ab. Nicht mein Milieu, nicht meine Angelegenheit. Sie sind auf so viele unterschiedliche Weisen blind, aber trotzdem feurig ehrgeizig. Ich freue mich wenn professionelle Aussagen aufblitzen, nur selten erhellt die Jury mir den Hintergrund. Es ist trotzdem toll, dass es dieses Format gibt und irgendwann fahre ich auch wieder hin und sehe mir das aus der Nähe an.
(und über all diesen Tagen und Wochen schwebt die Sorge, die Trauer, die Fassungslosigkeit, das Leben wiegt schwer)
Morgen beginnen die Lesungen zum Bachmannpreis in Klagenfurt. Ohne mich. Hab monatelang die Reservierung in der Bahnhofskneipe aufrecht erhalten. Das letzte Zimmer, das noch buchbar war. Aber dann stellte es sich heraus, dass der Zug nicht mehr fuhr. Diese wunderbare durchgehende Verbindung. Mehr als acht Stunden, aber machbar. Jetzt ist er weg dieser Zug und damit für mich auch die Möglichkeit, die vier Tage zuzüglich den beiden Anreise- bzw. Abreisetagen zwischen meine laufenden Termine zu quetschen.
Aus die Maus.
Abharken und weitergehen. Bin mir nicht mal sicher, ob ich die Konzentration aufbringe, mir die kompletten Lesungen und Diskussionen am Fernseher anzusehen. Ist halt doch ein komplett anderes Gefühl. Überhaupt ist Konzentration keiner meiner Schwerpunkte in diesen Wochen. Meine Gedanken und Gefühle zerstreuen sich.