Wie sanft, leicht und märchenhaft die Welt erscheint, wenn draußen unerwarteter Schnee alles bedeckt.
Natürlich nur von der warmen Innensicht aus betrachtet. Gehst du raus, rutscht du durch die schwere Nässe. Da ist kein Halt, keine Beständigkeit. Nichts zum Greifen.
Ob die Blüten es überstehen?
Bildbeschreibung: Rosa Blüten unter SchneeBildbeschreibung: Schnee am Bornheimer Ratskeller mit blühenden ForsythienBildbeschreibung: Verschneiter Weg mit Baumreihen am Bornheimer Hang
Bildbeschreibung: Blaue Dekokugel vor grünem Hintergrund im Regen
Der April verschafft sich mit einem Winter-Paukenschlag Zutritt ins Kalenderjahr.
Ich bin immer noch matt und niedergestreckt von der Allergie und den Umständen.
Außerdem dröhnt der Krieg durch mein Gemüt. Heute Nacht las ich das lange Interview mit dem BASF-Menschen. Klar, der warnt vor dem Gas-Embargo, weil es diese Firma ziemlich trifft. Aus diesem Interview erfahre ich, dass sie die Gasspeicher an Gasprom verkauft haben. Der Bund hätte kein Interesse an dieser Infrastruktur gehabt. Meine Güte! Was haben die uns verraten und verkauft. Auf jeder nur möglichen Ebene.
Ein Elend.
Bildbeschreibung: Blaue Dekokugel mit Schneemützchen vor verschneitem grünen Hintergrund
Aktuelle Lektüre: Pflegeberichte, Blutwertetabellen und Email-Kommunikationsschleifen. Dazu das geografische Studium der medizinischen Infrastruktur auf dem Lande.
Die Angst hinter Daten, Tabellen und Listen verstecken.
Ich hatte ja keine Ahnung. Absolut keine Ahnung, was da auf mich zukommt.
Seit dem Jahreswechsel 2021 höre ich jeden Abend „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust. Jeden verdammten Abend (seit 15 Monaten) zum Einschlafen. Ich schlafe ein dabei. Oder auch nicht. Ich höre fünf Minuten und verschlafe den Rest. Oder ich höre die ganze Podcast-Folge und weiß trotzdem nicht, was eigentlich Sache ist. Ich höre Proust, ganz genauso, wie ich ihn mir hätte vorstellen können, wenn ich mir eine Vorstellung hätte machen sollen. Ein ewig gleichmäßiger Strom des Erzählens. Eine Stimme, die immer weiter spricht. Die nie an ihre Grenzen kommt.
Aber nun bin ich bei Folge 10 der wiedergefunden Zeit. (Von der ich nichts wusste, nichts ahnte.) Und jetzt tobt der erste Weltkrieg in den gleichförmigen Erzählstrang und ich kann ich mehr schlafen, finde nicht mehr in die Nacht. Weil dieser Krieg sich verschmilzt mit dem anderen Krieg, den der am Tag wütet und nichts daran ist verloren. Alle Gewalt ist wiedergefunden. Nimmt das denn niemals ein Ende? Und wer hat jetzt bitte welche Zeit wiedergefunden oder verloren?
Passend zur Lage der Welt trage ich Tränen in den Augen. Will aber nicht verheimlichen, dass ihre medizinische Ursache wohl auf der Immunreaktion der Pollenattacke beruht. Der Frühling brummt und tobt. Ich traue mich heute nicht, ihn in Bildern einzufangen.
Lese intensiv und wie besessen die Tage- und Notizbücher von Patricia Highsmith, die ich eigentlich gar nicht lesen wollte.
Sie hat so viel schlimme Sachen von sich gegeben, dass ich ihr keinen Raum in meinem Leseherzen mehr zugestehen wollte.
Kernkompetenz: Müdigkeit in die Welt hineinseufzen.
Vermisse Wolle zum Stricken oder Häkeln und sehe mich in der Hafenstadt danach um. Es gibt Stoffläden und buntes Allerlei. Weit und breit keine Wolle. Es ist ein Fehler ohne Wolle auf Reisen zu gehen. Und wenn du zwanzig Stunden Verspätung hast, dann wird dir klar, dass du Wolle als Kriseninterventionswerkzeug dringends brauchst. Falls ich meinen Flucht-Rucksack doch mal packen sollte, wird Wolle drin sein. Ich kann auch im Dunkeln stricken. In der Nacht.
Aber eigentlich habe ich mich gegen das Flüchten entschieden. Es hätte nicht viel Sinn. Ich bin nicht mehr fit genug. Im Falle eines Falles bliebe mir nur der Rückzug, denn zum Kämpfen bin ich ebenfalls nicht geeignet. Nicht erst seit Altersgründen offensichtlich sind.
Ich hab doch noch Wolle gefunden. In einem hippen, fancy Laden in dem es Wolle ab 1,80 Euro für 10g (!) gibt. Wunderbare Wolle. In einer Ecke lag ein kleiner Rest den ich mir zu Herzen nahm und zur Kasse trug.
Mittlerweile bin ich vollständig in meiner Parallelwelt eingerichtet und kommuniziere über verschiedene Korridore in unterschiedliche Universen. Das Universum Pflegeheim ist derzeit nur über Audio zu erreichen. Hoffnung auf Änderung besteht.
Kurz entschlossen habe ich noch die Parallelwelt Urlaub hinzugefügt. Bestraft wurden wir mit einer Oberleitungsstörung und einer zwanzigstündigen Verspätung. Danach wieder perfekt in unserer Blase angekommen.
Ich lese die Aussagen zum Infektionsschutzgesetz und bringe keine Energie mehr auf, um mich darüber zu entrüsten. Nicht mal dreist kann ich sie innerlich nennen. Es ist wie es ist, die Vernünftigen haben sich nicht durchgesetzt. So war es doch immer. Wir wissen immer mehr und entscheiden immer schlechter. Es scheint einen Sog zu geben, der uns reinzieht ins Verderben. Ich bin eindeutig zu alt, um mich dem entgegenzustellen.
Ich lebe in Parallelwelten, die meine Persönlichkeit spalten. Augen auf, das Bürodrama ruft. Augen zu, es ist Krieg, es ist Krieg – ruft mir meine innere Stimme zu. Augen funkeln und ich höre ein Wispern: Masken ade. Die Spritpreise steigen, das interessiert mich nicht. Aber die leeren Gasspeicher, die ärgern sehr.
Die Welt ist aus den Fugen, die Erde bebt. Augen auf, zurück an den Schreibtisch. Für einen Moment. Für eine Weile. Aber die Wunde heilt einfach nicht. Es ist Krieg und kein Ende in Sicht.
Die Nebenschauplätze nehmen groteske Züge an. Sehnsucht nach Langeweile.