Gibt es etwas Neues?

Ich hab den ganzen Tag schwer geschuftet und mich selbst übertroffen. Gemerkt hat es niemand. Das ist oft so bei meiner Arbeit. Meistens kann nur ich selbst beurteilen, ob ich gut oder schlecht gearbeitet habe, viel oder wenig, schnell und viel zu umständlich. Einerseits ist es toll, wenn man so unabhängig arbeiten kann, andererseits ist es manchmal auch ein wenig traurig. Dann z.B. wenn ich enttäuscht bin, weil ich für einen Klacks gelobt werde, aber niemand merkt wenn ich einen schwierigen Packen stemme. Aber so ist nun mal das Leben: Man kann nicht alles haben – bekommt man früh gesagt, damit man sich nicht angewöhnt nach den Sternen zu greifen.
Jetzt bin ich abgedriftet: Was gibt es Neues? Ich habe sie gestern nur aus dem Augenwinkel gesehen und heute morgen nahm ich am Bahnhof flüchtig wahr, dass sie ganz groß auf den Titelseiten ist.
Mein Gott, diese Menschen. Was steckt nicht alles in ihnen und so lange schon! So unvorstellbar lange!

Noch Zeit

Noch sieben Minuten Zeit ehe ich zum Zug gehen muss. Noch sieben Minuten Zeit um den neuen Tag zu begrüßen. Noch sechs Minuten Zeit um ein Lebenszeichen von mir zu geben. Noch fünf Minuten Zeit um vor mich hin zu träumen. Noch drei Minuten Zeit um zu erschrecken und darüber nachzudenken, ob alles vorbereitet ist. Noch zwei Minuten Zeit um die Schuhe und den Schlüssel zu suchen. Noch zwei Minuten Zeit um mich ablenken zu lassen vom Regen, der gleichmäßig vor sich hinregnet.
Mein Schirm! Wo ist mein Schirm? Gestern hatte ich ihn noch – heute hat er sich vor mir versteckt.

Liebesblindheit

Kennt ihr diese schreckliche Krankheit? Nein, es ist nicht die Blindheit, die einem im Stadium der Verliebtheit manchmal überfällt. Das ist nur eine harmlose Beträchtigung unserer Sinne.

Die Liebesblindheit könnte auch Liebesabwesendheit heißen, aber das wäre doch ein eher akademischer Name für diese gruselige Krankheit, die Menschen hervor bringt, in deren Anwesenheit man eine Gänsehaut bekommt. Ursache für die Liebesblindheit ist, dass diese Menschen, die Liebe nicht sehen können. Sie können sie auch nicht hören, riechen, fühlen oder schmecken. Sie leben einfach in Abwesenheit von Liebe und brechen manchmal in das Leben liebender Menschen ein.

Lange nicht mehr gelesen

“Statt die Welt zu verkörpern, bin ich der Punkt, in dem sich die Lieblosigkeit bündelt.”

“Die Abwesenheit” (von Peter Handke) bezaubert mich nicht mehr. Die Sprache wirkt sprachlos auf mich. Die Athmosphäre fehlt. Ich kann sie auch nicht hinein interpretieren: Eine Hülle, der der Inhalt fehlt. Die Wertigkeit, die Gültigkeit. Ein ausgeträumter Traum. Ein Märchen aus einer Parallelwelt, die zu schnell untergegangen ist, als dass sie in meinen Träumen hätte Spuren hinterlassen können

Eins, zwei –

Würde viel lieber noch eine Weile hier sitzen und weise Sprüche von mir gehen, werde mich aber jetzt den Zugvögeln anschließen. Der Mensch soll im innersten seines Wesens ein Normade sein – so heißt es – aber wahrscheinlich hat die Evolution den Zweig zu dem ich gehöre schon längst mit einem Sofa-Gen – also einem Anti-Normaden-Gen – ausgestattet.

Wer weiß?

Habe ich jemanden vergessen?

Habe ich an alles gedacht? Niemanden übersehen? Alle Anliegen gleich wichtig genommen? Niemanden zurückgesetzt?

Immer an alles und jeden zu denken ist nicht möglich. Manchmal übersieht man irgendetwas, manchmal übersieht man etwas wichtiges. Manchmal will man etwas wichtiges nicht sehen. Es ist nicht möglich immer allem gerecht zu werden. Aber man versucht es immer wieder. Ich versuche es immer wieder; und über dem Versuch vergesse ich dann, dass es gar nicht so wichtig ist: das Wichtige. Es erscheint nur im Moment so wichtig, weil es in der Uniform des Wichtigen daherstolziert.
Habe ich an alle gedacht? Ja, ich habe an alle gedacht. An mich, an dich, an euch.

im land des apfelbaum

Der siebzehnjährige Rainer Werner Fassbinder schreibt Gedichte, Prosa und Hörstücke und bindet sie dann zu Weihnachten als Buch mit Inhaltsverzeichnis und Cover mit einem Chagall-Druck und schenkt sie seiner Mutter.
Ich möchte hier den Anfang eines Gedichtes zitieren:

Gib mir mein Herz zurück

Mein Herz, oh Zeus
Gib es zurück
Ich bitt dich drum
gib mir Gewissen
Den Körper habe ich noch
Den Geist den Sinn
Doch das Gewissen fehlt

Politisches Denken und Handeln

Wie immer wenn sich etwas in Bewegung setzt, gibt es die Anfeuerungsrufe, die Zwischenrufe, die Miesmacher und die, die beleidigt sind, dass sie nicht die Fahne tragen dürfen und die deshalb nicht mitlaufen möchten. So ist es auch bei der Welle um die E-Petition gegen die wirkungslosen Internet-Sperren, die ausschließlich zur systematischen Zensur taugen und nicht – aber auch wirklich gar nichts – gegen die Kinderpornografie im Netz.
Es gibt Vorwürfe, da heißt es, die Aktivisten, die sich dagegen stark machen, bedienen ausschließlich ihre eigenen Interessen wie es auch Lobbyisten machen. (Einen Link kann ich nicht setzen, weil mir das Netbook schon zweimal abgestürzt ist, wenn ich auf die entsprechende Seite gehe.) Die Vorwürfe sind populistisch und ich kann sie nicht nachvollziehen, denn es geht um nicht mehr und nicht weniger, als um die Verteidigung eines Grundrechtes. Es kann nicht sein, dass das BKA täglich festlegt, welche Filter indiziert werden und niemand – absolut niemand – kann und darf die Rechtmäßigkeit dieser Filter überprüfen. Das darf nicht sein und dagegen gilt es zu kämpfen.
Dass es darüber hinaus auch noch jede Menge andere Anlässe gibt für die wir uns einsetzen können, das will ich nicht bestreiten und daher habe ich mir vorgenommen immer mal wieder auf die Petitionsseite des Bundestages zu gehen und zu sehen, welche Petitionen es gibt, die Unterstützung verdienen.
Die Petition zum Grundeinkommen war ein Anfang. Nützen wir dieses Medium, unsere Demokratie ist es wert, dass wir sie schützen.

Lesenotizen

Bin immer noch im Lesehimmel der Aufzeichnungen von Adrienne Monnier. Manchmal mache ich mir beim Lesen Notizen. Das sieht dann so aus:
– Adriennes Schwester heißt Rinett, das Mädchen Helene
– Leserinnen: Jacqueline Fontaine und Thérèse Bertrand
– Sylvia Beachs Schwester heißt Cyprian
– Wer ist Suzanne Bonnière?
– Suzanne Balguerie sang
– “an manchen Tagen würde ich liebend gern auf mich selbst verzichten” St. 146
– nicht gewusst: das Buch “Wind, Sand und Sterne” von Saint-Exupéry heißt im Original “Terre des hommes”
– noch eine Schwester Marie Monnier, sie stickt
– St. 215 ” Wenn die Frau nicht liebt, bleibt sie stumm, wenn sie verachtet, streicht sie aus”

Mit dem weisen Satz verabschiede ich mich wieder in meinen Lesehimmel. Bye, bye.

Lesestoff

“Bei der Ankunft zerreißt das Kind das mütterliche Fleisch, und die Schreie der Mutter zerreißen des Vaters Herz.”
Adrienne Monnier in Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon

Schon so lange wollte ich Texte von der französischen Buchhändlerin Adrienne Monnier lesen und jetzt sind sie mir zufällig über den Weg gelaufen. Zusammen mit Rainer Werner Fassbinders Lyrikband “Im Land des Apfelbaums” in dem Gedichte und Texte zusammengestellt sind, die er als Siebzehnjähriger geschrieben hat.

Mein Leserinnen-Herz ist seelig.