Der #aufschrei macht seine Runde durch die Talkshows – und ich nehme mit Erstaunen zur Kenntnis, ernsthaft sich so viele Menschen mit den Inhalten auseinander setzen. Mit welcher Intensität sie die Zusammensetzung der Gäste kommentieren und den Austausch der Argumente hinterfragen. So viele betrachten Talkshows als eine Art offene Diskussionsrunde. Ein intelligenter Talk zwischen erfahrenen Menschen. Aber ist das so?
Ist es nicht schon mindestens seit einem Jahrzehnt so, dass die Talkshows im Fernsehen eine bestimmte Funktion erfüllen? Unterhaltung? Ja, die auch. Aber das wäre nicht so schlimm, wenn es ausschließlich so wäre.
Meinungsbildung? Ja, die auch. Aber das wäre nicht so schlimm, wenn die Meinung auf einem fairen Austausch der Argument mit anschließendem Fazit beruhen würde.
Aber das war doch höchstens mal früher beim internationen Frühschoppen der Fall. Heute haben die Talkshows eine ganz andere Funktion: Sie sollen eine bestimmte politische Richtung stärken.
Den Neolibarismus zum Beispiel. Die Agenda 21 wäre ohne die Begleitung der Talkshow-Melodie doch nie so von der Bevölkerung aufgenommen worden. Die Talkshows sind reine Propagandaverstaltungen. Das Kasperletheater der Mächtigen, die das Volk an der langen Leine – aber in die gewünschte Richtung führt.
Die Diskussion hat nichts, aber auch gar nichts mit der Diskussion zu tun, die wir untereinander führen. Argumente werden dort nicht ausgetauscht. Sie werden vorgeführt.
Und die Polarisierung durch die Gäste – die ist dem Moment der Unterhaltung gewidmet. Die Botschaft prägt sich ein ins „Sonntag-Abend-Politik-Gemüt“ des Volks.
Ich brauche keine Talkshows. Nicht zum Sexismusthema und auch sonst nicht. Nicht in der Qualität und mit dem Hintersinn in dem sie in den Medien in den letzten Jahren ausgestrahlt werden.
vielleicht ist es mir zu lange gelungen
geheim zu halten
dass ich eines Nachts
klammheimlich
vor lauter Lachen
ins Lager der Narren
gekugelt
bin
(Das Gedicht, das geheime Power enthält. – alt aber wirksam)
Vorsicht! Es folgt ein subjektiver Beitrag. Ganz aus meiner persönlichen Sicht geschrieben.
Mir ging es wie vielen Frauen in den letzten Tagen: Die #aufschrei-Geschichte hat mich durchgerüttelt. Mich durch eine innere Mühle gedreht. Bei mir hat sie die körperlichen Gewalterfahrungen der Kindheit hochgespült. Ich erlebe Sexismus sehr gewalttätig. Mein Herz und meine Seele liegen bloß und produzieren körperliche Symptome.
Mit einer gewissen Genugtung habe ich die Beiträge gelesen, die damit beginnen, dass Frauen betonen, dass sie sich nicht als Opfer sehen – sie schreiben meistens: Ich bin kein Opfer – aber plötzlich fallen ihnen Begebenheiten ein, in denen auch sie sich unwohl und kleingemacht fühlen.
Vielleicht ist Genugtung nicht das richtige Worte. Es gefällt mir, dass sie für einen Moment spüren, worum es geht. Mich hat es schon immer irritiert, wenn Menschen das eigene „Starksein“ so hoch bewerten. Als sei es ein Schulabschluss für den sie kräftig gelernt haben oder als sei es ein Geschenk der Natur, die ihnen als Lebensbeigabe persönlich mitgegeben wurden und auf die sie sehr stolz sind.
Ich mag das Wort Opfer nicht. Nicht weil es schlecht für mich klingt, sondern nur, weil es so wenig aussagekräftig ist. Es trifft ja nur einen kurzen Moment oder auf einen Ausschnitt zu. Aber ich mag auch nicht, wenn sich Menschen mit Vehemenz dagegen wehren ein Opfer zu sein. Wenn sie sich wehren, schwach zu sein. Als könnten wir das selbst bestimmen, ob wir stark oder schwach sind! Wir sind manchmal das eine und manchmal das andere. Auch schwache Menschen haben Lebensfreude und es gibt eine ganze Menge sogenannter starker Menschen, die wenig Lebensqualität haben.
Aber ich bin abgekommen vom Thema. Wahrscheinlich, weil es unangenehm ist. Wenn ich neue Menschen kennenlerne, dann merke ich meist schon nach kurzer Zeit, ob sie zu denen gehören, die Gewalterfahrung erlebt haben. Ich kann sie erkennen. Wissenschaftlich überprüfen kann ich das natürlich nicht, aber bisher habe ich mich nie verschätzt, wenn ich die Gelegenheit hatte, es in Erfahrung zu bringen.
Es ist auch nicht gegenseitig. Ich meine, es ist nicht automatisch so, dass sich die geschunden Kinderseelen erkennen. Kann es auch gar nicht sein. Gerade deshalb bin ich dankbar, dass ich ein Gespür dafür habe. Es gibt auch kein Erkennungszeichen, denn jede hat diesen Kampf anderes überlebt, sich eine andere Haut zugelegt. Mal zerfleddert, mal besonders akkurat, mal Blumen geschmückt oder hartkantig und hartschalig. So viele betroffene Frauen es gibt, so viele Überlebensstrategien gibt es. (Ich schreibe Frauen, denn bei Männern funktioniert mein Erkennungssensor nicht ganz so gut.)
Bei der Aufschrei-Geschichte wurde mir wieder mal deutlich, wie wenig sich Menschen, die „behütet“ aufgewachsen sind, die ein Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein im Kindesalter haben entwickeln können, sich in eine zerbrochene Seele eindenken oder einfühlen können. Zum Glück – kann ich da nur sagen. Was es bedeutet, diese Wunde oder Narbe ein ganzes Leben mit sich zu tragen, dass kann abstrakt erfasst werden, aber in Alltagssituationen kaum nachempfunden werden.
Deshalb ist es wichtig achtsam zu sein. Uns gegenseitig zu achten. Denn es ist ein bisschen so wie bei den Allergien. Da gibt es Menschen, die haben Allergien und andere, die können höchstens von sich sagen: sie haben noch keine Allergie, denn die kann ja immer entstehen.
So ist das auch mit den Gewalterfahrungen oder den Sexismus-Attacken. Wer sie heute noch nicht gemacht hat, den kann es morgen treffen.
Einzige Einschränkung – Gewalterfahrungen in der Kindheit und besonders von den nächsten Angehörigen ausgehend sind natürlich etwas prägender als eine Gewaltattacke durch einen Fremden. Was dabei genommen wird, bestimmen wir nicht selbst.
Und nicht jeden Teil unserer Persönlichkeit können wir schützen.
Drei Jahre Knast für einen 16-jährigen wegen Schwarzfahren. In welchem Land?
Aus der österreichischen Zeitung erfahre ich: in Deutschland.
Von wegen Rechtsstaat oder Sozialstaat und so.
Die Jauch-Kritiken werde ich nicht sammeln. Ganz sicher nicht. Dazu ist mein Fell nicht dick genug.
Heute war die Todesanzeige in meinem Briefkasten. Die alte Eule ist gestorben.
Adieu, liebe Hortense! Es war schön, dich online gekannt zu haben.
Die alte Eule hat in den letzten Monaten zwei meiner Gedichte gesprochen, die ihr hier und hier nachhören könnt.
Die Trauerfeier ist am 1. Februar in Aachen. Näheres kann ich auf Anfrage gerne per Mail dazu schreiben.
claudia Januar 28th,2013
Leben | tags:
Abschied,
Alte Eule,
Tod,
Trauer |
4 Comments
Nicole von Horst hat eine neue Seite aufgemacht, damit die Trolle außen vor bleiben und niemand unversehens über die Gewalttweets stolpert.
Wie es wohl mit dem Aufschrei weitergehen wird? Die Tweets aufzubereiten und auszuwerten ist wohl nicht möglich. Die gesellschaftliche Debatte ist mehr als irritierend. Dachte ich bis vor drei Tagen wir hätten einen gesellschaftlichen Konsenz, dass Belästigung ein No-Go ist, wurde ich jetzt eines Besseren belehrt: die Spielverderberin wird ausgebuht. Ganz offiziell.
Ich dachte vorher nur, sie lassen sich nicht gerne bei ihren sexistischen Sprüchen und Taten erwischen, dass die gesellschaftsfähig sind, wusste ich nicht.
die Pflichten
setzen sich rittlings
auf die Brust
reiten mit der
Unbefangenheit
davon
„Lieben und für ein anderes Wesen sorgen ist ein mühsames Geschäft und viel schwerer, als zu töten zu zu zerstören.“
Gestern bin ich noch so halbwegs mit den Aufschrei-Links mitgekommen, heute gestaltet sich das schon schwieriger. Ich will es versuchen, auch wenn die Liste nicht vollständig sein kann.
An erster Stelle kommt der Text von Helga in dem sie anspricht, dass es oft nichts nützt sich zu wehren und dass „Wehrt Euch!“ keine Generalstrategie sein kann.
Netzwertig bringt einen Beitrag über die Ausbreitung des Aufschrei-Mem.
Journelle schreibt über die Mythen der Geschlechter.
Besser spät als nie – Happy Schnitzel
Formschub – Männerschatten
Phaedra Starling – Schrödinger’s Rapist
Ninia LaGrande – Böses Mädchen
E13 – Hört auf damit
Siegstyle – Brüderle im Geiste
Themenriff – Danke, Opa – Alltagssexismus im Job und die Konsequenzen
Littlejamie – Ohne Worte. Ein #aufschrei
Die Stattkatze leidet unter dem Aufschrei
Auch Engl ist nicht ganz ohne ungute Erinnerungen.
Anatol Stefanowitsch mit Nachgedanken zum #aufschrei
Alltagssexismus – Nicole von Horst hat die Seite aufgemacht, damit die Trolle außen vor bleiben und Frauen nicht unvermittelt über die Gewalttweets stolpern müssen.
Maike, Jay, Sue, Ninia, Mina, Theodoraa, Picki, Ina, Antje, Frau Auge, AufZehenspitzen, Merle, Kris, die Femgeeks, Nele, Hopskuller, Nonalicious, Lisa, FlauschHanu, Cloudette, Hermione,
Sachensucherin, Katrin, Robin, Claudia Klinger, Kaltmamsell, Zellmi,
Helga Hansens Brief an die Jauch-Redaktion