Diese Gesellschaft wiegt sich in einem gefährlich falschem Sicherheitsgefühl. Zuerst hat sie zwei Jahrzehnte damit verbracht, Rechte des Einzelnen für eine gefühlte Bedrohung an eine immer schneller taumelnde abstrakte Staatsmacht zu verhökern. Was war – und ist – das für ein Freudentanz für all die so gar nicht abstrakten rechten Gesellen. Ob krimineller Untergrund, faschistische Polizistinnen-Gruppe, rassistisches SEK oder rechtsradikale Einsatzkräfte gewisser Spezialtruppen der Bundeswehr.
Ein wahres Festfressen am Datentrog! Da können schon mal ein paar Menschenleben auf der Strecke bleiben. Alles im Namen der Sicherheit.
Nur stellt sich jetzt gerade raus, dass dieser Staatsapparat nicht mal das kleine Einmaleins der Katastrophenvorsorge kann. Dass er unvorbereitet und mit Ansage in eine Pandemie reinschlittert und den Ausgang nicht mehr findet. Er kann keine Außenpolitik und schon gar keine Klimakatastrophe handeln. Nicht mal richtig für die Daseinsfürsorge einstehen kann er.
Diese Gesellschaft wiegt sich immer noch in Sicherheit. Sie kann gar nicht mehr anders, weil ihr auf jeglicher Ebene die Einsicht fehlt.
Jede zweite politische Aussage in den täglichen Nachrichten ist mittlerweile eine menschenverachtende Aussage in Bullshit-Formulierung verpackt.
„Die Taliban geben sich moderat.“ Das kann keine Frau, kein queerer Mensch, keine Ateist*in sagen. Das sagen die, die dem nackten Kaiser immer weiter von der Schönheit seiner Kleider vorschwärmen.
Zuviel. Viel zuviel Leid und Schmerz auf dieser Welt.
Ich schließe meine Herzenstür und halte Augen und Ohren bis auf Weiteres geschlossen.
Wo bleibt das Licht, die Liebe, die Hoffnung und der Trost?
(Das Schlimme an all den grausigen Nachrichten z. B aus Afghanistan ist, dass ich mir genau vorstellen kann, unter welchen Umst?nden, sie entstanden sind. Ich ahne die Atmosphäre der Sitzungen, Meetings und Krisengespräche. Ich kann mir vorstellen, was und wie intern geredet wurde und welche Kompetenzen bzw. Nicht-Kompetenzen mit am Tisch sitzen. )
Die Ernten der westlichen Demokratien fallen noch schaler aus als ihre Saat. Jahrzehnte lang wurde Farbe, Struktur und Körniges aus dem demokratischen Gewebe ausgewaschen. Jetzt stehen wir mitten im Regen.
Klimakatastrophe, Pandemie, wachsende Armut und eine unmoralische Schicht, die sich ?ber den Rest der Gesellschaft erhebt.
Wie ein angeschlagenen Boxer taumle ich durch die Tage. Immer ein bisschen zu viel Energie ausgegeben, als wieder reinkam. Es liegt auf der Hand, wie diese Verhaltensweisen enden werden.
Mich krisenbedingt ins Infektionsgeschehen gestürzt. Danach nass bis auf die Haut unterm Baum gestanden. Der Rucksack später auch innen voller Wasser.
Die Parallelwelt Pflegeheim von innen kennengelernt. Freundliche Menschen hinter Masken. Gespräche, die sich im Kreise drehen. Plötzlich bekommt mein Name verschiedene Rollen zugeteilt. Ich nehme jede an, solange mir mein Name bleibt.
Jedes Jahr, wenn es August wird, Sommer, dann kommt die Erinnerung an das Schreckliche. An das Grauen.
An den kleinen Jungen. The Little Boy.
So nannten sie die Bombe. Der Jahrestag kommt und die Glocken läuten.
Nie, nie hab ich das Leid ermessen können.
Hiroshima.
There’s a shadow of a man at Hiroshima where he’d pass the noon in a wonderland at Hiroshima ’neath the August moon And the world remembers his face – remembers the place was here…
„H wie Habicht“ von Helen Macdonald höre ich abwechselnd zur heftigen Lektüre „Die Unsterblichen“ von Anne Boyer.
Ich balanciere auf meinem Seelenheil. So viele Abgründe rechts und links und vor mir, hinter mir und überall. Eine schwierige Zeit. Andere haben noch schwierigere Zeit, sagt sofort eine Stimme in mir.
Ich weiß, ich weiß.
Es regnet in Marseille. Auf der Webcam sind die Menschen nur als kleine Punkte zu sehen, die am Alten Hafen entlanglaufen. Winzig klein.
„Es gibt kein tragischeres Möbelstück als ein Bett, wie leichthin es stürzt – von einem Ort, an dem wir Liebe machen, zu dem Ort, an dem wir vielleicht sterben. Und von dem Ort, an dem wir schlafen, zu dem Ort, an dem wir irrewerden.“
In Japan sagt der Präsident bei hohen Infektionsraten zu seinem Volk, die Menschen sollen zuhause bleiben und die Olympischen Spiele im Fernsehen anschauen.
Haha. Das Kriminelle kommt im zynischen Mäntelchen daher.
Die für das Krisenmanagement in den Hochwassergebieten Verantwortlichen sagen, jetzt sei nicht der Zeitpunkt, um nach Schuldigen zu suchen.
Jaja. Sehr einleuchtend. Wenn es um hohe Gehälter geht, argumentieren sie, sie tragen Verantwortung. Wenn nach der Verantwortung um Leben und Tod gefragt wird, dann möchten sie nichts mehr von dieser Verantwortung wissen. Es ist ziemlich krass. Vorallem weil sie die Warnungen in den Wind schickten. Die waren ihnen zu heftig.
Die einen diskutieren mit der Flutwelle und die anderen verhandeln mit dem Virus. Ganz klar: unsere Führungs- und Verantwortungselite. Sie strotzt nur so vor Intelligenz und Gier.
Ein wütendes Manifest gegen den Umgang mit Krankheit. Ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis 2020.
Was für ein eindringliches und außergewöhnliches Buch! Und was für eine Sprache!
Die Stadtbücherei hat es auf meinen Vorschlag hin angeschafft. Eine gute Entscheidung. Von allen Leseempfehlungen in diesem Jahr ist es bisher mein Favorit.
Ich werde es gleich noch einmal lesen. Da sind so viele Sätze, die ich in mein Zitateheft schreiben möchte. Das ganze Buch könnte ich markieren.
Juliette und Marianne – das Buch habe ich im Bücherschrank an der Bergerstraße gefunden und mit genommen. Eigentlich ein belangloses Buch über eine Dreierkiste. Wirklich kein Thema mit Sogkraft für mich. Aber als ich anfing ein paar Seiten zu lesen, überkam mich die Erinnerung: Ich hatte schon einmal angefangen dieses Buch zu lesen. Das ist fast vier Jahrzehnte her.
Damals hat mich das Buch verstört, es hat mich mitten in meiner größten Lebens- und Liebeskrise erwischt.
Ich las dieses unfassbar fern von meinem Leben fiktionierende Buch und versuchte mir vorzustellen, dass es Menschen gibt, die ihr Leben so leben. Ich las gegen meine Verzweiflung an und gegen meine Niedergeschlagenheit. Ich las dieses Buch wie so viele in dieser Zeit.
Jetzt stelle ich mir vor, dass mein ganzer Schmerz in diesem Buch gefangen ist. In diesem und so vielen anderen. Ich fand diesen Kummer der jungen Frau, wie ein verlorenes Fotoalbum voller Erinnerungen.