Die Oberfläche des Spiegels ist glatt und klar. Sie projiziert das Licht in das Auge des Betrachters zurück. Einfallswinkel ist gleich Ausfallwinkel. Ein einfacher Spiegel. Eben – nicht konkav und nicht konvex. Aber ein schmeichelnder Spiegel, ein Spiegel in dem ich mich gerne betrachte. Mein Spiegelbild ist mir vertraut. Von allen Seiten. Bei der Gymnastik sehe ich aus dem Augenwinkel mein Ebenbild. Trete ich zur Seite kann ich zwei Schlieren sehen. Die Kraft des Spiegels lässt dort nach. Die Funktion des Spiegels liegt in seiner Oberfläche.
Wenn er zerbricht, verfolgt mich das Unglück sieben Jahre lang.
Die Oberfläche ist zerkratzt. Jahrelang wurde an diesem Tisch gegessen, Essen vorbereitet, gemalt und geschrieben, das Fahrrad repariert, Stoffe zugeschnitten, Tapeten ein gekleistert, gesägt und gebügelt. Was wurde nicht alles auf diesem Tisch gemacht! Der alte Holztisch gibt so vieles preis. Seine Spuren tragen die Erinnerung eingraviert auf seiner Oberfläche. Nein, nicht für alle Zeit. Nur für die Zeit bis er wieder abgeschliffen wird – mit Sandpapier und Zärtlichkeit. Schicht um Schicht wird abgetragen, die Erinnerungen ausradiert. Geschmirgelt und auf neu getrimmt. Mit sanfter Hand das Öl ein massiert, den weichen Lappen getränkt und unermüdlich neu poliert. Die Oberfläche rein und zart.
Erst jetzt fallen mir die Tränen ein, die ich hier weinte.