Das trügerische Gedächtnis – Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht von Julia Shaw
Aus dem Englischen von Christa Broermann erschienen im Hanser Verlag
Haben die prägenden Ereignisse unseres Lebens überhaupt so stattgefunden, wie wir glauben? Die Autorin ist Rechtspsychologin und erklärt in diesem Buch die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses.
Das Buch beginnt mit einer nachvollziehbaren Einführung in die Thematik.
Unsere persönlichen Erinnerungen helfen uns, unsere Biografie zu verstehen und uns zu identifizieren. Wir müssen unsere persönlichen Narrative organisieren, um zu erfahren, wer wir sind. Sie bilden die Fundamente unserer Identität. Die Autorin unterscheidet das semantische oder generische Gedächtnis, das die Erinnerung an Bedeutung, Begriffe und Fakten umfasst und das episodische oder autobiografische Gedächtnis. Sie erinnert an die Formbarkeit des Gedächtnisses.
Dann folgen zehn Kapitel.
1. Ich erinnere mich an meine Geburt
Das Gehirn des Kleinkinds ist physiologisch nicht in der Lage langfristige Erinnerungen speichern zu können. Die Autorin erläutert, warum unser Gehirn Infomationsbruchstücke aus anderen Zusammenhängen so zusammen setzt, dass sie sich wie echte Erinnerungen anfühlen.
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claudia November 6th,2016
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Die CSU gibt sich ein neues Partei-Programm und nennt es „Die Ordnung“.
Der Name löst bei mir exakt das Unbehagen aus, das das Auftreten einer Partei auslösen muss, um deutlich als rechte Partei durchzugehen.
Was heißt „Die Ordnung“ im politischen Kontext? Das heißt doch klar, alles was sich meinen Regeln und Gewohnheiten entzieht, erscheint „unordentlich“ und muss erst mal geordnet werden. Das Wort gesäubert liegt gleich daneben in der Bedeutungsebene und schwingt leise und böse mit. Aber ihr habt Glück! Bei uns wird geordnet und erst mal nicht gesäubert. Von wegen Grundrecht und so. Menschenrechte. Obwohl, die könnten wir auch ein bisschen ordnen und zum Beispiel Höchstgrenzen einführen. Menschenrechte mit Ablaufdatum. Oder wir machen eine Lotterie. Auch eine Lotterie kann sehr ordentlich ablaufen. Sogar unter notarieller Aufsicht.
Überhaupt diese Vielfalt. Früher nannten sie das ja Multikulti. Die brauchen wir nicht für das Ordnung halten. Wir brauchen Standards für Normalo. Normale Mütter, normale Ehen, normale Grenzen. Alles was normal ist, ist schon mal ordentlich.
Das hilft uns weiter.
Endlich Ordnung und Sauberkeit. Warum sind wir da früher nicht schon drauf gekommen?
Ähm, psst, ja. Da war doch was.
Das grüne Sofa von Natascha Würzbach
Natascha Würzbach beschreibt ihre Kindheit und Jugend in den 1930er und 1940er in Deutschland in Romanform.
Üppig beginnt das Buch mit der Beschreibung der Großmutter und ihrer Körperlichkeit. Ein Körper, der mit Korsett in Zaum gehalten wird. Die Baronin, die nach dem Verlust ihres Vermögens ihre großzügigen Geldausgaben nicht zu stoppen vermag. Die Erzählung beginnt in einer Welt in der es Dienstboten gab. Menschen, die den Kindern ihrer Arbeitgeber Fürsorge entgegen brachten und vor denen die Kinder dennoch gewarnt wurden. Nur nicht zu viel Nähe zeigen.
Die Mutter verkörpert das Leichte, Lockere, Schwebende. Die Tänzerin. Sie ist immer in Bewegung und voller Rhythmus. Der Vater ist der Bedächtige, der Nachdenkliche, der Schriftsteller, der seine Arbeit beim Rundfunk verliert, als die Nazis die Macht übernehmen. Als Hausmann bleibt er zuhause, während die Mutter an der Front für die Unterhaltung der Soldaten sorgt und damit das Geld für die Familie verdient.
Natascha hat einen schwierigen Start zu anderen Menschen. Da ist immer die Unterscheidung zwischen den Pros und den Kontras. Den Nazis und ihren Gegnern. Da sind Worte, die Ärger bereiten, wenn sie verwendet werden. Dinge, die nicht gesagt oder gefühlt werden dürfen. Besser als in der Stadt ergeht es Natascha dann auf dem Land, auf das sie evakuiert wird. In der Schule kämpft sie sich gegen Anfeindungen und Demütigen durch. Geht ihren Weg, macht irgendwann Abitur und erfüllt sich mit dem Studium, ihren Traum.
Mir hat das Buch mit seinen detailreichen Beschreibungen gut gefallen. Aus Sicht eines Kindes und später einer Jugendlichen wird von einer schwierigen Zeit erzählt. Nicht alle Handlungsstränge sind logisch stringend, weil sich dem Kind manchmal die ursprüngliche Motivationen der anderen Figuren nicht erschließen. Das trägt sehr zur Authentizität dieser Autobiografie bei.
claudia November 3rd,2016
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fest in der Hand
hab ich nur den Stift
und selbst der
entgleitet mir
von Zeit zu Zeit

Unsere Gesellschaft verändert sich rasant und während einige immer noch verächtlich auf E-Books zeigen und inflationär die haptischen Vorzüge der Papierbücher loben, überrollt uns die Welle der Digitalisierung. Beim Militär, in der Medizin, in der Arbeit, in der Verwaltung, in der Wirtschaft, aber auch bei der Überwachung oder unserem Verständnis einer freien Gesellschaft – überall kommt es zu Umwälzungen.
Manche sprechen von der Industrie 4.0 bzw. von der 4. Industriellen Revolution. Industrielle Revolutionen verursachten jeweils tiefgreifende Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen, da sie die Arbeits- und Kommunikationsweisen so veränderten, dass sich staatliche Strukturen ebenso wie Produktions- und Konsumsysteme in kürzester Zeit umgestalteten. Wir sind mitten in einem gigantischen gesellschaftlichen Wandel.
Die Digitalisierung wird z.B. von der künstlichen Intelligenz, der Robotik, dem Internet der Dinge, dem 3D- und dem 4D-Druck, der Nano- und der Biotechnologie, der Massenauswertung von Daten und noch vielem mehr angetrieben. Selbst digitale Medikamente existieren schon.
Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto wichtiger wird die Netzpolitik.
Die Papierbücher werden uns bleiben, allerdings nur für bestimmte Zwecke – und die E-Books sind mit Abstand das geringste Problem bei den tiefgreifenden Veränderungen, die uns bevorstehen.
Digitalisierungskonferenzen und Kongresse der Parteien, Stiftungen und Gewerkschaften versuchen sich dem Thema anzunähern und sich damit auseinanderzusetzen und immer wenn ich eine dieser Konferenzen besuche, merke ich wie langsam und träge unsere Zivilgesellschaft darauf reagiert. Das meistzitierte Stichwort in diesem Kontext, das fast alle gut begreifen können – das aber auch nach wie vor belächelt wird, weil es so irrational erscheint – ist das der selbstfahrenden Autos. Fahren so ganz ohne Mensch, das ist nicht vorstellbar.
Aber sie sind ja schon unterwegs. Selbstfahrende Busse gibt es, Logistiksysteme, die eigene Entscheidungen treffen, Lastkraftwagen ohne Fahrer – Das ist schon lange keine Zukunftsmusik mehr, das ist Realität.
Es wird nicht mehr lange dauern, dann könnte es passieren, dass wir mit dem selbstfahrendem Bus fahren möchten, er uns aber nicht mitnimmt, weil unser Krankenkassenbändchen ihm sagt, dass wir heute noch 10000 Schritte laufen müssen.
Die Technik und die Wissenschaft gehen unbeirrt ihre Wege, kräftig unterstützt durch die Wirtschaft. Jetzt ist es an der Zivilgesellschaft, möglichst schnell darauf zu reagieren. Sie muss die Infrastruktur zur Verfügung stellen, damit nicht Teile der Gesellschaft komplett abgehängt werden. Deutschland ist ein Land der Infrastruktur. Eine gut ausgebaute Infrastruktur hat Deutschland Wohlstand gebracht. Heute braucht es eine digitale Infrastruktur und die fehlt in der Fläche. Teilhabe ist ohne zeitgemäße Netze nicht mehr möglich.
Wir müssen uns neue funktionierende Konzepte ausdenken und anwenden.
- * Die Mitbestimmung steht vor großen Veränderungen. Arbeitsschutz, Tarifrechte, Datenschutz – wie erhalten wir diese bewährten Rechte in einer veränderten Arbeitswelt?
- * Smart Cities entstehen, mit all den Vorteilen und den neuen Überwachungsszenarien.
- * Kommunikation verändert sich, nicht immer zum Guten. Die öffentlich rechtlichen Medien müssen ihren Auftrag unter anderen Bedingungen erfüllen, als die Jahrzehnte davor.
- * Aus- und Fortbildung spielen eine größere Rolle, Berufsbiografien wandeln sich.
- * Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wirft ethische Fragen auf. Oder die Frage nach den Risiken und ihre Abwägung.
All diese anstehenden Veränderungen, die aus so vielen Richtungen gleichzeitig auf uns zukommen, müssen politisch und gesamtgesellschaftlich gestaltet werden. Unser Gesellschaftsvertrag muss neu verhandelt werden. Dazu braucht es die Zivilgesellschaft. Die Bereitschaft mitzudenken und sich einzubringen. Verstehen zu wollen. Hinter die Kulissen zu schauen. Diese Zivilgesellschaft braucht Medienkompetenz, wenn sie sich mündig am Gestaltungsprozess beteiligen will. Fakten, Mythen, Halbwahrheiten, Konflikte, Interessen, Werte alles muss unterschieden, eingeordnet, sortiert und bewertet werden. Das braucht Interesse, Aufmerksamkeit, neue Kompetenzen und Fähigkeiten ebenso wie die Bereitschaft, auch mal die ausgetreten Pfade zu verlassen.
Sich raushalten und sich die Hände nicht schmutzig machen, ist ohnehin nur eine – vorübergehende – Alternative für Privilegierte . Je schwächer ich bin, desto weniger Einfluss habe ich z.B. auf meine Daten oder die Systeme, die ich benutzen muss. Noch haben wir die Wahl in welcher Rolle wir uns mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft auseinandersetzen.
In einer solchen Umbruchzeit müssen die gesellschaftliche Verträge neu ausgehandelt werden. Wie kann es da sein, dass Menschen stolz darauf sind, dass sie sich dem technischen Fortschritt verschließen? Es adelt doch niemanden, die Verantwortung für die Gestaltung eines gesellschaftlichen Wandel abzuschieben und sie anderen aufzubürden.
Unsere Zukunft entscheidet sich heute. Diese triviale Aussage ist wahrer denn je in meiner Lebenszeit.
Die Entwicklungen lassen sich nicht mehr zurückdrehen. Sie lassen sich nicht aufhalten. Sie finden statt. Mit oder ohne unser Zutun.
Mir ist es lieber, wenn es mit uns geschieht. Lasst es uns nicht verschlafen!
Manche Weichen lassen sich nur einmal stellen.
claudia Oktober 31st,2016
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Krötenliebe von Julya Rabinowich
Die Zeit als Kaleidoskop. Ein Kreis ohne Anfang und Ende. Bei jeder Drehung ein anderes Muster. Nichts kommt wieder, was einmal verschwunden ist. Diese Vorstellung von Zeit und Leben liegt dem Roman „Krötenliebe“ zugrunde. Der Roman über die Beziehungen von Alma Mahler-Werfel zu dem Maler Oskar Kokoschka und dem Biologen Paul Kammerer.
Die Zeit wird in diesem Buch gründlich durcheinander gewirbelt. Immer wieder wird ein Blick in die Zukunft gewagt und sich dann nach der Vergangenheit umgesehen. Es ist der Versuch Leidenschaften in Worte und Bilder zu fassen. Skurrile Szenen entstehen aus den biografischen Details und Julya Rabinowich macht daraus großartige Literatur mit Wien als zentralem Schauplatz der Ereignisse.
Der Roman ist aber nicht nur von Leidenschaft, sondern auch von Gewalt und Krieg durchdrungen: Den beiden Kriegen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und dem Terror des Naziregimes der Schatten voraus wirft. Die Liebenden bekämpfen sich ebenso wie die Eltern ihre Kinder und umgekehrt. Selbst die Kunst und die Wissenschaft scheinen fast nur aus Gewalt und Kampf zu bestehen. Unterlegt mit einer Portion zerstörerische Leidenschaft.
claudia Oktober 30th,2016
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Im Kaufhaus stehen die Weihnachtsbäume und die hochpreisigen Sachen herum. Ich überlege kurz: doch es ist noch Oktober. Nur kurz, aber eindeutig.
Herbst. Kuschelzeit.
Hätte ich ein Ofen, würde ich mich davor setzen.
Hätte ich einen Garten würde ich ein Kartoffelfeuer anfachen.
Aber mir bleibt als verweichlicht est Stadtpflänzchen die Heizung. Ich drehe sie auf und spinne. Es ist es eine besondere Zeit. Mein innerer Status steht auf Dankbarkeit.
Jeder Tag ist ein Geschenk für das ich dankbar bin. Selten habe ich das in meinem Leben so stark empfunden.
Das Schicksal rumpelt an verschiedenen Ecken. Es ist nicht zimperlich und barmherzig schon gar nicht. Die Einschläge kommen näher. Tag um Tag.
Nichts war je selbstverständlich.
Von Tag zu Tag wird das Leben kostbarer.
Ich erfreue mich daran.
Diese Alterweisheit ist eine Spaßbremse erster Güte. So viele Sprüche, die du schon kennst, so viele Filme, die du schon gesehen hast, so viele Politiker-Phrasen, die du voraus sagen kannst.
So viele Dinge die sich wiederholen. Wieder und wieder manchmal mit neuer Besetzung, aber billigen Kulissen.
Die Welt atmet Langeweile aus. Eine tödliche Krankheit mit schwerem Krankheitsverlauf.
Es gibt Tage, da schleiche ich um die Sammelmappe herum. Gern möchte ich etwas schreiben, aber das geht nicht. Es gehört eindeutig zur selbst auferlegten Tabu-Zone. Zur Privatsphäre von Menschen, die ich nicht verletzen möchte.
So kommt es dann zu den leicht benebelten Einträge hier in der Sammelmappe. Hinter dem Nebel sind sie dann versteckt: die verbotenen Zonen.
Beim Bloggen geht das ganz einfach, sich verschiedene Formen des Zugriffe anzugewöhnen. In der Realität klappt das nicht ganz so gut. Da sollte ich vielleicht noch üben.
Die Katastrophenmeldungen der letzen Tage verarbeite ich in dem ich noch mehr stricke und noch mehr spinne.
Den Kopf leer stricken wäre ein gutes Ziel.
Im Zuge meines Leserauschs durch den unbegrenzten Stadtbücherei-Lesekonsums, habe ich mich auch an ein paar Mainstream-Bestsellern vergriffen. An Büchern, die ich mir nie kaufen würde, weil ich zu geizig bin, um für sie Geld rauszurücken.
Diese Bücher haben einen seltsamen Effekt auf mich. Sie machen mich kirre, wenn ich sehe, wie viele Menschen auf diese Belanglosigkeiten abfahren.
Meine Reaktion überrascht mich, denn ich kenne meine Toleranz gegenüber beliebigen Quatsch-Fernsehsendungen, gegen Schundromane oder ähnlichen Kram. Das stört mich nicht, weil ich mir ausmalen kann, welchem Zweck – sprich Spannungsabbau – sie dienen.
Ganz kirre machen mich diese pseudo-wichtig-tiefgründig-originell Literatur. Da ist es so ähnlich wie bei den Talkshows, die ich mir nicht anschaue, deren Resonanz ich aber auf Twitter erlebe. Genau da steckt der gesellschaftliche Wurm, der unseren Apfel verfaulen lässt.
Hier ganz rechts. Immer dem Gestank nach.