Wie leicht ich aus der Ruhe zu bringen bin. Wie dünn meine Haut doch ist. Gerne möchte ich manchmal ein dickeres Fell haben. Manchmal nur. Meistens lebe ich ganz gut mit meiner Dünnhäutigkeit.
Aber da sind diese Tage, diese Menschen, diese Situationen, da wünsche ich mir ein stärkeres Gerüst, mehr Widerstandskraft.
Wie fern ist jetzt Klagenfurt. Wie fern meine Träumereien.
Um 5:00 Uhr aufgewacht und gemerkt: ich hab es heute gar nicht eilig. Der Tag wird anstrengend und voll, aber zum Glück ohne Anfahrt. Die Erleichterung weicht sofort der Erinnerung an das Muskelspiel: der Ärger steigt wieder hoch. Unnötig, weil ich in der stârkeren Position bin. Aber den Ärger kümmert das nicht, er hat sich in mein Herz gegraben.
Übermorgen ist der ganz große Tag. Der erste Tag von den großen. Aber jetzt gilt es mich zu konzentrieren wie eine Sportlerin: das nächste Spiel ist immer das wichtigste.
Meine nächsten Spiele finden heute und morgen statt.
Und dann erst kommt der große Tag.
Das Muskelspiel war vorauszusehen. Leider. Geht offensichtlich nicht anders.
Hoffentlich setzt das Hirn ein, bevor das Blut fließt.
Muss früh los, weil ich als Passivfliegerin die Verbindung der Bahn nehmen muss, die die wenigsten Schrecken verspricht. Bei der Preisverleihung bin ich auf die Twittertimeline angewiesen. Aber macht nichts, meinen inneren Herzenspreis habe ich längst vergeben.
Eine einzige Lesung habe ich dieses Mal im Saal auf den Treppen erleben können. Die Tddlsche Leichentuchmanier der Platzreservierungen ist unverschämter geworden und ich frage mich, ob sich für mich dann der ganze Aufwand noch lohnt um hier zu sein.
Klar, es ist schön, das alles hier gesehen zu haben und für die, die zum Literaturbetrieb gehören ist es unerlässlich hier zu sein. Aber für mich steht doch etwas anderes im Mittelpunkt und der Aufwand mit der Fahrt ist relativ hoch, weil er arbeitstechnisch immer genau in die komplizierte Lücke fällt. In diesem Jahr noch einmal verschärft.
Dass ich mir den Luxus machen kann, hier über mein Kommen oder Nichtwiederkommen zu philosophieren, liegt daran, dass die nächtliche Twittertimeline meldet, dass der Bachmannpreis bleibt. Das ORF lenkt wohl ein.
Alles war wohl eine ziemliche strukpellose Strategie. Ich würde es eher Erpressung nennen.
Benjamin Maack
Mir geht es wie beim letzten Text. Nichts passiert. Kein Bezug zu diesem Käfertext.
Juri Steiner meint, wenn man sich frage, wie war Dr. Mäuse als Kind? dann sei man in diesem Text. Burkhard Spinnen erkennt wieder die Intention zur Idylle, Herr Jandl erklärt uns, dass der Text summt durch die erotischen Methaphern und ist begeistert. Daniela Strigl auch, die Twitter Timeline jubelt.
Hubert Winkels erkennt die Wucht des Satzes „Ich liebe dich“.
Was soll ich noch sagen: ich fühle mich einsam unter den mittelständlischen Käferbegeisterten. Wenn das Grauen schon in einer Dose mit Kãfern steckt, dann ziehe ich mich doch gepflegt zurück.
Nicola Anne Mehlhorn
Am höflichsten wäre es jetzt zu schweigen. Böse-Hexen-Literatur auf niedrigstem Niveau. Jede fragt sich, wie Juri Steiner nur zu seiner Auswahl kam. Twitter sagt schnell voraus, dass die Diskussion kurz sein würde. Ausnahmsweise sind sich wirklich alle einig. Inklusive dem höflichen Applaus des Saalpublikums.
Angela Leinen schlägt auf Twitter als Romantitel: „nur die Teebeuteletiketten hörten ihr Seufzen“ vor.
Der Gentleman Burkhard Spinnen fast es so zusammen: auch er kann unter dem Text kein Rettungsnetz aufspannen.
Soooo kann doch der Bachmannpreis nicht enden!

Hannah Dübgen
Ein weicher, warmer Text, so empfinde ich, Behindertenkitsch sagt die Twitter-Timeline dazu.
Skeptisch im Zusammenhang mit dem Text macht mich das Videoportrait: sie interessiere sich mehr für das Fremde als für das Bekannte. Trotzdem habe ich einen Hang zur Idylle.
Die Jury findet, dass die Du-Form nicht durchgehend gelungen ist. Vor allem in den Erklärungspassagen. Es wird von hoher Sensibilität und Genauigkeit gesprochen, aber Daniela Strigl bringt es auf den Punkt: Empathie genügt nicht. Die als realistisch angelegte Geschichte sei nicht glaubhaft. Burkhard Spinnen verkündet seine Vorliebe für die Idylle, zweifelt aber im konkreten Fall wieder an der Umsetzung.
Juri Steiner begründet seine Einladung damit, dass der Te5 sich bei ihm eingeschlichen hätte. Ein Text über eine Hiobsfrau, die ein Careteam für die Katastrophe zusammenstellt.
Nachtrag: An dieser Stelle wissen wir Hörenden noch nicht, was sich für eine Katastrophe über Juri Steiner und seinen Autorinnen zusammenbraut.
Roman Ehrlich
Kein Eindruck meinerseits, weder gut noch schlecht, nach zwei Sätzen bin ich aus dem Text draußen. Erst gegen Ende des Textes merke ich warum: er riecht nach Literaturinstitut.
Nicht mein Ding, aber dafür das der Jury. Ich schalte auch bei der Diskussion der Jury ab, weil ich ihr in kleinster Weise folgen kann.
In einem Tweet von Kathrin Passig sehe ich, dass Roman Ehrlich jetzt bei der Automatischen Literaturkritik vorne liegt und ein Tweet vom Zeilenkino informiert mich, dass der Roman zum Text am Dienstag erscheint. Gute PR-Arbeit.
Philipp Schönthaler
Auch dieser Text bleibt mir fremd. Einziges Highlight für mich die Erwähnung von Zugtoiletten, dem Mannheimer Bahnhof und einer Signalstörung. (Als wenn es davon nicht viel zu viele in den letzten Monaten in meinem Leben gegeben hätte – aber das kann er ja nicht wissen, der Philipp.)
Da ich nicht viel dazu sagen kann, spricht die Jury umso mehr aus meinen Notizen. Sie haben einen Suizid herausgelesen, ich kann den nicht finden. Spãter merke ich, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin. Eine Künstlernovelle der Postmoderne bei der die Implosion zum Schluss erfolgt. Juri Steiner meint, es sei die Beschreibung einer Todesmaschinerie in der der Rebell zum Schluss verglühen muss.
Burkhard Spinnen sagt, dass in dieser Geschichte der Künstler an der Umsetzung der Kunst scheitert.
Katja Petrowskaja
Jetzt bin ich schon so erschöpft und dann kommt diese Geschichte und zieht mich so in ihren Bann. Hin und weg bin ich von ihr und dieses Mal scheint auch die Jury nicht ganz so konträr zu meiner Meinung. Das Publikum ist sowieso begeistert, die Autorin erhält sehr viel Beifall.
Frau Strigl erwähnt den kunstvollen Zirkelschluss. Spinne freut sich über die Öffnung des deutschen Sprachraums und nennt es einen Text über die Aneignung der Vergangenheit durch die Nachgeborenen. Er lobt, dass der Text nicht weinerlich ist und Frau Keller ging das Herz auf, als sie ihn zum ersten mal Las.
Ein bisschen vermisse ich die Zeit, als ich noch Zuhause vor dem Fernseher die Lesungen verfolgte und mit den anderen im Bachmann-Chat tratschte. Das geht bei mir hier nicht. Entweder konzentriert zuhören oder nachschauen, was die anderen sagen. Da muss ich mich entscheiden. Heute wie gestern merkte ich, wie die Konzentration dann am Nachmittag steil abfällt. So viel Anstrengung, diese geballten Textladungen.
Heute geradezu ein Textfeuerwerk.
Zé do Rock
Sympathisch, humorvoll – aber mich interessiert der Text nicht besonders, er bleibt mir fern. Gegen Ende stellt sich eine Genervtheit bei mir ein. Nichts für mich, aber beim Publikum kommt er gut an.
Die Jury stellt fest, dass sein Beitrag den Fetzigkeitsfaktor des Bewerbs erhöht, dass sein Humor aber auch sehr bösartig ist. Hubert Winkels gibt ein Blablabla von sich, dem ich nicht folgen kann. Nur sein Resümee verstehe ich: der Text habe keine innere Spannung. Daniela Strigl meint, das Deutsch sei erkennbar, aber da sei noch eine andere Sprache, die sie nicht gelernt hätte und Frau Keller freut sich, wenn Texte am Rande der deutschen Sprache gelesen werden. Der Begriff universelles Esperanto fällt.
Alles in allem wahrscheinlich ein Kandidat für einen der Preise.
Cordula Simon
Langeweile ist ausgebrochen in diesem Text. Eine freudlose Welt. Böse-Hexen-Literatur. Das Frauenbild, das sie zeichnet gefällt mir noch weniger, als der Text selbst.
Frau Feßmann nennt es eine folkloristische Geschichte und Herr Jandl beanstandet den Vortrag. Von Burkhard Spinnen erfahren wir, dass er sonntags den Tatort schaut, diesen aber nicht mag, wenn er in einem Dorf spielt.
Da Frau Strigl die Autorin eingeladen hat und ich erfahren möchte, was sie so sehr daran fasziniert, höre ich ihr besonders gut zu. Sie spricht davon, dass es eine Fluchtgeschichte sei, ein beunruhigendes Matriachat gezeichnet würde und dass die Hauptfigur einen inneren Widerstand dagegen empfinde zur Prophetin gemacht zu werden. Aha! Vielleicht sollte ich die Geschichte noch einmal in Ruhe lesen.
Heinz Helle
Eine Beziehungsweise-Trennungs-Geschichte. Ein Über-Wir spricht. Ich mag die Geschichte nicht. Die Jury sieht das anders.
Minimalistische Verknappung, hübscher, gelungener Text, die Figur sucht Trost, intelligenter Text über Lieblosigkeit und der Höhepunkt in der Jurydiskussion: ein politischer Text über den Fluch des Individualismus im Massenzeitalter.
Noch mal ein: Aha meinerseits.
Antje bloggt über die Mittelmäßigkeit und Schönheitsideale.
Aus meiner Sicht ist das Elend an dieser Situation, dass sie durch Konsumdruck entsteht und die meisten Menschen offensichtlich unglücklich macht. Jedenfalls verstehe ich das so.
Bei Antje habe ich kommentiert:
Ist die Ursache nicht doch eine wesentlich einfachere? Früher brauchten die Menschen Geld für Miete, Essen, Strom. Später für den Urlaub und dann hat der Kapitalismus die Freizeit und den Körper entdeckt. Die Marktstrategie ist gut aufgegangen, alle neu eingeführten Hygiene- und Schönheitsstandards kurbeln den Konsum an. Zu Seife, Wasser, Zahnbürste und Zahncreme ist ein ganzes Drogerieregal an Pflegestoffen hinzugekommen, die wir benutzen sollen. Die Schönheitschirugie boomt, die TV machen die passenden Sendungen dazu. Klappt doch alles ganz gut in diesem Kapitalismus. Außerdem sind die Menschen mit diesen Fragen tatsächlich jeden Tag beschäftigt. Manche sogar jede Minute.
Nimmt eins noch den penetranten Gesundsheitsmarkt dazu, der mir fast noch suspekter ist, als das Schönheitsgedöns, dann sind die Menschen erst so richtig gefangen in ihrem Käfig, was sie tun dürfen und sollen. Ein Ausbruch daraus ist schon fast eine individuelle Revolte.
Verena Güntner
Bei diesem Text bin ich sofort hineingezogen und zugewandt. Wie ein Sog, dem ich mich nicht entziehen kann.
Die Jury ist voller Lob und bis sich Burkhard Spinnen zu Wort meldet fast einstimmig: echte Rollenprosa, wunderbar geschrieben, der Ton der Figur ist gut getroffen und dennoch wurden viele Dimensionen eingebracht. Her Steier denkt gar an den „Fänger im Roggen“. Bis eben Herr Spinnen erläutert, das ein Well-Made-Play keine Kunst sondern ausschließlich gutes Handwerk ist. Darüber muss die Jury auch erst diskutiert. Kann eins ja nicht einfach so stehen lassen.
Anousch Mueller
Die Frau, die von sich sagt, sie kommt aus dem Netz und das Schreiben sei eine familienfreundliche Angelegenheit.
Das erste, das ich nach zwei Minuten denke: sie wird keinen Preis gewinnen. Eine Beziehungsgeschichte, eine Trennungsgeschichte, die haben es schwer in Klagenfurt. Die Männer der Jury starten auch sofort mit einem Kritikfeuerwerk: die Opferposition der Frau diskreditiert den Mann – kommt mir irgendwie bekannt vor.
Frau Fessmann verteidigt tapfer: Kammerspiel mit Landschaft und viel Humor. Ein Text der klüger ist als seine Autorin.
Nun ja, Das ist eine gewagte These.