Alle Tage ist Alltag. Nein, das klingt falsch. Alltag ist nicht alle Tage. Klingt nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.
Besondere Tage können auf keinen Fall Alltag sein. Nö, stimmt auch nicht.
Alle Tage sind Lebenszeit. Manchmal leuchtend und kräftig, manchmal blass und fad.
Alle Tage sind meine Tage – stimmt solange ich denken kann.
Dein Lachen scheint mir wie ein Sommertag.
Doch was ist, wenn ich nicht mehr lachen kann?
Was tust Du, wenn ich nicht mehr weiter mag?
Wenn ich Dich brauche – finde ich dich dann?
siehst du die Vögel in den Süden zieh’n?
Hörst Du den ruf? Schaust Du sie an?
wirst du, wie Sie, im Herbst die Kälte flieh’n?
Wenn ich dich brauche – finde ich Dich dann?
Dann bin ich müde
und es scheint, als ob die Bäume zu entfernt
und die Berge viel zu hoch.
Wenn ich im Winter schwere Träume hab,
wenn ich Dich brauche – finde ich Dich dann?
Nicht die Erfolglosen schmähen, nicht die Neulinge, nicht die, die schon am Boden liegen. Nicht ihre Frisuren, nicht ihre Sprachfehler, nicht ihre Nervosität. Texte schmähen, nicht Personen. Sich beim Schreiben fragen, ob man das auch dem Autor ins Gesicht vertreten kann.
Abenteuer Bahn – ich liebe es. So schrieb ich es in meinem letzten Kommentar zum Eintrag „Nie wieder“.
Aber was heißt das schon? So viele Male bin ich unspektakulär mit der Bahn von hier nach dort gekommen. Dieses Mal ist es anders – ich bin immer noch nicht angekommen – das Abenteuer nichtkontrollerbar ist mir dazwischen gekommen.
So ist das Leben. Einer meiner Lieblingssätze. C’est la vie!
Mein Leben ist nicht immer dienstkontibel, manchmal verträgt sich auch der Anspruch der Arbeit nicht mit dem des Lebens. Was lerne ich daraus? Das Leben hat Vorfahrt. Allerdings habe ich die Vorfahrtsregel nie so richtig umsetzen können. Das rächt sich jetzt.
So oder so ist das Leben, das ist mein zweiter Lieblingsspruch.
Nie wieder werde ich mir so einen engen Zeitplan zumuten. Jetzt stehen wir hier auf der Strecke, niemand sagt uns was, weit und breit ist kein Zugbegleiter zu sehen. Von halb fünf am Nachmittag bis Morgen früh um sieben hätte meine Reise regulär gedauert. Ich mag mir gar nicht ausrechnen wie lange sie jetzt dauern wird und wie ich das mit der Arbeit hinkriegen soll.
Eine Runde Mitleid wünsche ich mir jetzt von euch.
Gleich geht es zur Preisverleihung. Meine innere Preisverleihung hat längst stattgefunden. Daran ist nichts mehr zu rütteln. Literatur ist zum Schluss dann doch auch wieder Geschmacksache.
Eine Unruhe hat mich erfasst, das Abreisefieber. Welcher Teufel hat mich geritten, diese verfluchte Zeitplanung zu wählen. Das mache ich beim nächsten Mal anders.
Vielleicht.
Die deutschen Fussballerinnen verlieren vielleicht – oder auch nicht. Eng wird es offensichtlich.
Mein Herz ist voll. Die Texte füllen mich. Was ist, was bleibt – ich weiss es nicht.
Literatur ist Herzblut – das ist das, was ich in den vergangenen Tagen verinnerlicht habe. Gemerkt habe ich auch: je mehr die Menschen vom Herzblut und der Leidenschaft sprechen, desto mehr geht sie ihnen ab. Vielleicht ein Vorurteil?
Ist nicht so wichtig. Wichtig ist, den eigenen Standpunkt zu finden. Das scheinbar einfachste ist dann doch die höchste Schwierigkeitsstufe.
Vier Lesungen heute. Spannend, spannend. Wie gut, dass ich mittlerweile unabhängig vom Urteil der Jury bin.
Leif Randt – Schimmernder Dunst über Cobycountry
Ein Text, so wie ihn in meiner Vorstellung ein junger Mann schreibt, der aus einem Literaturstudium kommt und sein Handwerk im Griff hat. Ein paar Lacher, ein paar mal ironisch überzogen, eine Welt parodiert, mit der sich wohl die Jury und die meisten Menschen im Publikum identifizieren. Bei der Diskussion fiel der Satz „so könnte Berlin in 10 Jahren aussehen“. Berlin in 10 Jahren eine Wellness- Oase? Berlin ist die Stadt der prekären Lebensverhältnisse. Aber davon versteht Mensch in Klagenfurt nicht so viel.
Anne Richter – Geschwister
Das war ja klar, dass dieser Text bei der Jury nicht gut ankam. Bei mir umso mehr. Eine doppelseitige Geschwistergeschichte, Familie satt, Familie pur, leise mit – im wahrsten Sinne des Wortes – Herzblut erzählt. Das war heute meine Geschichte und nicht allein nur deshalb, weil ich ein ausgeprägter Geschwistermensch bin.
Michel Bozikovic – Wespe
Der suizidgefährdete Kriegs-Cowboy in der man-Form geschrieben. Soviel Mann-man macht mich nicht munter sondern müde, da bleibe ich nicht objektiv. Das ist nicht meine Literatur.
Thomas Klupp – 9to5 Hardcore
Ich hätte es nicht nachsehen müssen, wieder einer der Literaturstudierten. Der Universitätsbetrieb fühlte sich richtig gespiegelt. Ein lustiger Text, handwerklich gut gemacht, klingt irgendwie nach Jugend – nahe ist er mir nicht.
Heute war es ganz auffallend: Jury und Publikum in Klagenfurt – und selbstverständlich auch die Autoren – kommen zum überwiegenden Teil aus der gleichen Schicht. Erlebnisarm und trotzdem voller Verlustängste. Heute war mir sehr stark bewusst, dass sie über ihre Bildung meinen, die Welt verstehen und begreifen können. Ohne Risiko und immer mit doppelter Leine und Fallnetz unterwegs. Aber ich meine, Literatur ist da, wo das Leben ist. Mittendrin und ganz besonders dabei.
Was kaum möglich war, ist eingetroffen: eine Steigerung von gestern auf heute. Volle Konzentration meinerseits auf die Texte. Ein wahrer Textrausch. Die Jury nehme ich weniger wahr. Mein Gott, konnte ich mich früher über die aufregen. Das ist weg, wie weggeblasen. Ab und an sehr durchsichtig, ihre Motive – und dann wieder menschlich witzig, wenn einer von ihnen auf der Leitung steht und nichts kapiert.
Linus Reichlin – Weltgegend
Da war sich die Jury einig: ein Text mit richtigen Männern und dann noch mit Hemingway-Anklang samt Kriegseinsatz. Diese Stichworte alleine müssten ihn bei mir durchfallen lassen, tut es aber nicht. Ich finde diesen Krieg erbärmlich, genau aus dem Grund, den der Text schildert: nur mit Schuld kommen wir aus dieser Weltgegend wieder heraus.
(Hab mir sogar zwei Krimis von ihm gekauft, dabei wollte ich doch aufhören mit dem Kaufen, dieser materiellen Bücher aus Papier.)
Maja Haderlap – im Kessel
Die Lokalmatadorin, die Kärntnerin über deren Buch „Engel des Vergessens“ Peter Handke schreibt: “ Maja Haderlap hat eine gewaltige Geschichte geschrieben … Die Großmutter wie noch keine, der arme bittere Vater wie noch keiner, die Toten wie noch nie, ein Kind wie noch keins.“
Auf mich wirkte der Text altmodisch, nicht zeitgemäß. Den echten Handke lese ich da lieber, trotz … Aber das ist eine andere Geschichte. Die Jury war angetan – Kritik wurde allenfalls gehaucht.
Julya Rabinowich – Erdfresserin
Bei der merkt Mensch sofort, dass Frauen nicht nur sanft Wesen sind. Sie geht sprachlich in die vollen. Für meinen Geschmack manchmal einen kleinen Hauch zu derb. Aber dafür ist sie dran an dem Leben, den Gefühlen, am Elend, das nicht spektakulär sondern triefend daher kommt.
Nina Bußmann – Große Ferien
Sie kann schreiben, auf alle Fälle. Die Geschichte und die Figuren bleiben aber kalt. Die Jury verliert sich dabei, als sie die Bezüge sucht. Aus meiner Sicht lässt sich da nicht viel finden. Alles schon dagewesen. Ich mag es lieber leidenschaftlich.
Steffen Popp – Spur einer Dorfgeschichte
Aus meiner Sicht große Poesie, wunderschöne Lyrik – sehr schlecht vorgetragen. Wenn der Autor ein bisschen mehr in den Hintergrund getreten wäre … Nun ja, die Lesungen sind kein Wunschkonzert. Ich geb schon Ruhe und wiederhole: ganz tolle Lyrik.
So jetzt bin ich erschöpft und voll bis obenhin. Es ist schön, dass es so etwas wie diese Tage gibt.
Kling schlimm! Wie kommts, dass du die Stimmungen als "fremd" erlebst? Ich betrachte alle Stimmungen als eigene und suche entweder…