Vor elf Jahren hab ich mich an diesem Tag sehr auf ein Blogger*innen-Treffen in Frankfurt im Café Nussknacker gefreut. Eine tolle Erinnerung!
Ansonsten geht es mir heute weniger gut, da mir die Kortison-Salbe wieder Durchfall beschert und ich nicht clever genug war, vorzusorgen. Chronisch krank zu sein, muss eine erst mal richtig lernen und mir passieren dabei immer noch Anfängerinnenfehler. Zum Ausgleich ist meine Laune besser. Meine innere Stimmung sieht nicht immer gleich die nächste Katastrophe um die Ecke kommen. Das ist eine Erleichterung. Reicht ja, wenn ich erst hinter jeder dritten Ecke die Katastrophe vermute.
Hab ich schon geschrieben, dass ich Abends stundenlang TikTok schaue? Das hat mich sogar dazu gebracht, dass ich mir die Teenie-Serie Wednesday mit Jenna Ortega ansah. Sie war zwar etwas fremd für mich, aber ich verstehe gut, warum sie bei Jugendlichen so gut ankommt. Und überhaupt: die gehäkelten Klamotten! Eine Freude für das Auge.
Die Balkontür ist offen und milde Luft strömt ins Zimmer. Ich liege im Dunkeln und höre die vereinzelten Silvesterkracher, die die Jugendlichen zünden. Es fühlt sich nicht falsch an. Nur ungewohnt. Ich werde lernen, meinen Bewertungsmodus öfters auszustellen, denn er führt in einen sinnlosen emotionalen Kreisverkehr. Ein milder Jahreswechsel löst gleichzeitig Emotionen zur Klimakatastrophe und zum kriegsbedingten Energieeinsparen aus. Ich lausche in die milde Nacht und schupse die Emotionenwippe an ohne mich an ihr festzuhalten.
Das Jahr geht dem Ende zu und es war nicht einfach für mich und die Welt. Sein Titel könnte lauten „Es hätte schlimmer kommen können“.
In einigen Ecken kam es auch schlimmer. Die Demenzerkrankung meiner Mutter und ihre Auswirkungen auf meinen Vater. Auch wenn ich weiß, dass so viele durch diesen Höllenschlund gehen müssen. Das macht es nicht einfacher. Für mich ist es eine traumatisierende Erfahrung. Quälend lange anhaltend und bisher keine Möglichkeit was passiert zu verarbeiten, denn die Krankheit macht keine Pause, zieht nur nach und nach neue teuflische Joker. Es gibt kein Entkommen, kein Entrinnen. Alles Schlimme, was möglich ist, wird geschehen. Diese Krankheit schöpft aus einer toxischen Quelle immer neues Leid und gießt es in mein Leben.
„Sie sind sehr einfühlsam“, sagte sie letzte Woche zu mir.
Ich erspare es mir und der Sammelmappe daran zu erinnern, wie sie diesen Wesenszug von mir früher betitelte.
Draußen schüttet es unweihnachtlich. Macht nichts. Für mich folgen nun Tage der Ruhe. Ganz ohne festliche Aktivitäten. Alle Zeit der Welt: Nur für mich.
Ich wünsche euch von Herzen allen alles Liebe und Gute!
Neun Grad unter Null und die Gasspeicher sind zu 88% gefüllt. Im Falle eines Krieges wären die Gasspeicher sicher ein super Angriffsziel. Ich verstehe nicht, warum weiter und weiter auf diese zentralen Infrastrukturlösungen gesetzt wird. Aber was verstehe ich schon davon?
Ich sammle Zahlen und ordne sie mir zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen. Ich sammle Zahlen zum Winter und zur Temperatur und vermeide jede Zahl, die den Krieg und das damit verbundene Elend zählbar macht. Zu viel Leid auf dieser Welt. Eindeutig zu viel Leid.
Kaum legt sich die Anspannung und eine Ahnung von Besserung schwebt in der Luft, vergesse ich alle Vorsichtsmaßnahmen und renne prompt ohne Netz oder Seilsicherung in die mentale Falle. Innerhalb von Stunden ist mein Energievorrat aufgebraucht und ich liege emotional am Boden.
Nachwievor fehlt mir eine brauchbare Schutzausrüstung. Ein Warnsystem. Eine Unfallvermeidungsstrategie. Tief in mir lebt eine unverbesserliche Optimistin im Gewand einer Pessimistin, die sich immer aus der Deckung locken lässt.
Einmal, zweimal, im Märchen gerne dreimal: dann folgt der böse Zauber.
Nächste Woche ist Weihnachten. Ich sage es vor mir her wie ein Mantra. Nächste Woche ist Weihnachten und für einen kurzen Moment fährt die Welt ihr Tempo herunter. Jedenfalls die Welt, in der ich lebe. An die anderen Welten mag ich gar nicht denken. Zu unvorstellbar in ihrem Leid.
Bei mir, in mir rüttelt sich gerade etwas zurecht. Das Leben wir einfacher, leichter, der Druck, die Spannung lässt nach.
Nächste Woche ist Weihnachten. Das sind ruhige Tage für mich. Stille Tage, sanfte Nächte.
Mich schreibend selbstvergewissern. Die Worte wiederfinden und mein Leben ausschmücken.
Heilung setzt Fürsorglichkeit voraus. Aufmerksamkeit. Rücksichtnahme. Wenn ich heilen will, sollte ich weiterschreiben. Mir eine Schutzhülle erschreiben.
Komme mir vor, als würde ich einen Steilhang hochklettern und jedesmal wenn ich es ein paar Meter nach oben geschafft habe, verliere ich den Halt und rutsche wieder nach unten. Weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Hab keine Ahnung, ob mein Ziel oben am Steilhang noch existiert.
In der Zwischenzeit wird das Kortison ausgeschlichen. Poetische Umschreibung für einen harten medizinischen Prozess. Vielleicht kann ich mich bald intensiver mit meinem Krankheitsbild auseinandersetzen. Begreifen, was da vorgeht. Besser verstehen.
Und heilen.
(Jetzt höre ich auf, sonst greife ich vielleicht noch nach den Sternen und fange mir versehentlich Sternschnuppen ein.)
Der frühe Vogel sollte dringend etwas gegen seinen Schlafmangel tun. So lautet mein Konterspruch auf den „frühen Vogel und den Wurm“. Dabei bin ich gerne der frühe Vogel. Laufe gerne durch die Stadt, begrüße gerne mein Büro am frühen Morgen. Am frühen Morgen bin ich wach. Das ist meine Zeit. Da gehört mir die Welt. Später trübt sie ein. Ich werde müde, ausgelaugt schleppe ich mich durch die zweite Tageshälfte.
Ansonsten bin und bleibe ich die Sorgen-Drama-Queen. Nehme alle Sorgen auf meine Schultern. Kummer aller Art packe ich in meinen Gemütsrucksack. Ziehe alle Seufzer der Umgebung auf mich.
Mein Lebenstalent besteht im mitleiden. Mitsorgen. Mitkümmern.