Journal23042020


Tag 31 Kontaktverbot

Zahlen des Tages: 151.195 und 5.354, sowie ca. 46.000 aktive Fälle

Journal22042020

Tag 30 Kontaktverbot

Ich bin die, die in den letzten Wochen nicht geweint hat. Mir geht es gut. All meine Tränen sind im Moment noch symbolischer Art. Ich fühle das Leid so stark, das so viele Menschen jetzt schon und noch mehr in der Zukunft bedrückt.

Es ist eine Tragödie, die sich abspielt, aber wir dürfen sie im Augenblick nicht Tragödie nennen. Es soll ja keine Panik geben. Aber dieses Rasiermesser, auf dem auf der einen Seite Normalität gespielt wird und auf der anderen, die soziale Katastrophe passiert, ist ziemlich scharf beim Überschreiten.
Zumal wir so tun müssen, als gäbe es das nicht.

Ich glaube, Verstand, Gefühl und Seele haben es schwer diese Situation gemeinsam zu fassen.

Zahlen des Tages: 149.004 5.127, sowie ca. 50.000 aktive Fälle

Journal21042020

Tag 29 Kontaktverbot

Die Zahlen steigen jetzt schon wieder und dabei sind das erst die Nachwirkungen der Osterfeiertage. Die Opfer, der jetzt nach und nach eintretenden apokalyptischen Lockerungen, folgen erst noch.

Prost Mahlzeit allerseits!

Maskenpflicht in Hessen.

Ein bewegter Ostwind, der durch die Bäume fegt und alles austrocknet.

Das Licht am Ende des Tunnels kündigt den entgegenkommenden Zug an.

Zahlen des Tages: 148.024 und 4948, sowie ca. 53.000 aktive Fälle.

Journal20042020

Tag 28 Kontaktverbot

Lockerungsdiskussionsorgien. Wenn sich die Kanzlerin im Ton vergreift, dann sehr gepflegt. Nun muss sie an die Vernunft der Bürger:innen applieren, weil einzelne Landespolitiker:innen am Rad drehen.

Draußen windet es, es stürmt unter blauem Himmel und trocknet alles aus.

Dürre, Heuschrecken, radioaktive Wälder brennen, eine Pandemie rast durch die Kontinente. Langsam wird es gespenstig.

Ich mache mir trotzdem nicht mehr Sorgen als vor ein paar Wochen. Stagnation auf hohem Sorgen Niveau, aber ich komme besser mit meinen Sorgen klar.

Lebens-Lernerfahrung.

Zahlen des Tages: 146.398 und 4.706, sowie 52.000 aktive Fälle.

Journal19042020

Tag 27 Kontaktverbot

Das Leben der Navajo interessiert mich, seit ich in den 90ern die Hillerman-Krimis las. Eigentlich wäre ich auch gerne mal hingefahren, aber da beamen nicht ging und fliegen für mich nicht in Frage kam, blieb meine Neugierde frisch und scharf. Dann kam auch schon bald dieses Internet mit seinem speziellen Blick in die Welt. Seitdem sehe ich mir online die Webstühle an, die Wüste und die Schafe. Die alten Frauen tauschen ihre Teppiche für ein Bündel Feuerholz ein. Es gibt viele abgelegene Haushalte ohne Elektrizität und auch welche ohne Wasser.

Auf Netflix zeigt eine Doku wie junge männliche Schüler aus dem Reservat versuchen über den Sport raus aus der Armut zu kommen.

Jetzt zeigen die Navajo-Videos auf YouTube und TikTok wie man sich eine Maske macht, die nicht genäht werden muss. Aber wie man sich die Hände regelmäßig waschen soll, wenn das Wasser dafür nicht da ist, das wissen sie auch nicht.

Die Zahl der Toten des Navajo-Stammes sind heute so hoch wie in 13 US-Staaten zusammen.

Zahlen des Tagen: 144.387 und 4.547 Tote

Journal18042020

Tag 26 Kontaktverbot

Hab fast keine Lust etwas zum heutigen Tag aufzuschreiben. Obwohl ich mich gut gefühlt hatte. Vor mich hin getrödelt. Gelesen. Ich lese wieder.

Dann die Zahlen angeschaut. Wie kann man sich nur so in Sicherheit wiegen, wenn nach vier Wochen Kontakteinschränkungen 3.700 neue Fälle an einem Tag hinzukommen?

Ich weiß, Panik machen bringt nichts. Aber wenn die Menschen in einem brennenden Gebäude chillen, ist das auch irritierend. Mit jeder weiteren Infektion geben wir diesem Virus die Chance zu mutieren. Und dieses Virus wird mutieren. Die Frage ist nur wann. Da die Menschheit dem Virus so ein super Experimentierfeld bietet, wird es sich diese Chance nicht entgehen lassen. Das Virus wird dann gefährlicher werden.

Alles bekannt. Alles alte Hüte und trotzdem wird nicht so gehandelt, dass die Infektionsketten unterbrochen werden.

Nicht jetzt und schon gar nicht in zwei, drei oder vier Wochen.

Es wird ein Sommer bei 35 Grad auf dem Balkon werden.
Für die, für die es gut ausgeht.

Die anderen betrauern ihre Kranken und Toten.

Zahlen des Tages: 142.872 und 4.426 Tote ca. 52.000 aktive Fälle.

Journal17042020

Tag 25 Kontaktverbot

Hab Nachrichten gehört und jetzt das Gefühl, da geht was ab, was sich mit rustikaler Durchseuchung umschreiben lässt.

Selbst Gottesdienste wollen sie wieder zu lassen. Na, das gibt ja ein tolles Experiment! In der Zwischenzeit steigt und steigt die Zahl der Toten.

Egal. Ich wippe auf dem Balkon unter blauem Himmel vor mich hin. Noch so eine Katastrophe. Es regnet nicht. Es regnet einfach nicht.

Nachher sehe ich mit M die neue Staffel von Bosch an. Ich mag das. Gemeinsam schauen und nur an das fiktionale Böse schauen.

Zahlen des Tages: 139.041 und 4.193 Tote, sowie ca. 52.000 aktive Fälle.

Journal16042020

Tag 24 Kontaktverbot

Dass eine Pandemie eine große Katastrophe ist und wir im Moment noch in der Phase „Ruhe bewahren und Unfallort absichern“ sind, ist in vielen Homeoffices noch nicht angekommen.

Wir sind ja nicht mal bei der „Ersten Hilfe“ angelangt.

Also bitte: Doppelt Ruhe bewahren und weitermachen.

Zahlen des Tages: 135.663 und 3.867 Tote. Ca. 55.000 aktive Fälle.

Als wir in die Zeit der Beschränkungen hinein liefen, hatten wir 4.000 Infektionen. Ein Monat ist das jetzt her und in den letzten vier Tagen sind fast 1.000 Tote zu beklagen.

Journal15042020

Tag 23 Kontaktverbot

Ich richte mich ein in dieser schweren Zeit. Schniefe seit Wochen vor mich hin und ächze und seufze. Allergie- und Gemütsbedingt.

Langsam hülle ich mich in Hoffnung und Wohlgefallen, um nach ein paar Stunden wieder allen Mut zu verlieren. Am liebsten würde ich schreien: Weg hier! Lasst mich das machen!

Aber zu wissen, wo das Ziel liegt, heißt noch lange nicht, denn Weg zu finden und ihn zurücklegen zu können.

Freude habe ich daran, dass ich wieder lesen kann. Dass mein Schatz seit einem Jahr hier lebt. Dass ich Nachrichten habe, die immer sehr zögerlich aus einer gewissen Ecke kommen. Dass ich stricken und häkeln kann. Dass es Frühling ist. Dass die Blumen blühen. (Sie können ja nichts dafür.)

Nur den Flieder, den hätte ich gern ein paar Meter weiter weg von meinem Fenster.

Zahlen des Tages: 133.209 und 3592, ca. 60.000 aktive Fälle

Journal14042020

Tag 22 Kontaktverbot

Noch immer übermannt mich diese Müdigkeit. Trotzdem raffe ich mich mitten in der Nacht auf, um ins Büro zu rennen. Die Ampeln sind heute alle gegen mich.

Zum ersten Mal seit Wochen traue ich mich wieder in den Hauptbahnhof. Er ist seltsam leer, außer mir kaum eine mit Maske. Warum?

Schnell besorge ich die Sachen auf der Einkaufsliste für die Risikoperson. Ein paar mal dauert es, aber ich muss nicht unruhig werden, hier ist überall Platz.

Auf dem Heimweg nehme ich die Straßenbahn. Eine Premiere. Ausnahmsweise und baustellenbedingt steht sie vor unserem Bürogebäude. Sie tuckert mit mir durch die Stadt. Langsam, wo ich doch sonst immer die schnelle, dunkle U-Bahn-Variante nahm.

Im Briefkasten eine freundliche Überraschung für mich.

Zahlen des Tages: 131.359 und 3.294. Wo kriege ich jetzt meine anderen Daten her?