Als ich am Gleis 7 vorbei ging, habe ich dann doch kein Foto gemacht. Obwohl ich die Trauer gerne festgehalten hätte. Mein Körper wollte das nicht, die Gänsehaut lief mir von Kopf bis Fuss und Tränen gab es auch.
Selten habe ich so oft den Satz gelesen: absolute Sicherheit gibt es nicht. Sogar von den Seiten, die das immer anders darstellen. Nein, die gibt es nicht. Aber trotzdem ist die Sehnsucht danach groß.
Die Vorstellung von einer sicheren Welt. Einer gewaltfreien Welt eher nicht. Sonst würden sich die Haßreden und -verbrechen nicht so schnell und weit verbreiten. Gewalt ist nur dann verbrämt, wenn sie das Wir trifft.
Die Ereignisse am Frankfurter Hauptbahnhof schlagen mir komplett auf den Magen und die Verdauung.
Ich liebe den Bahnhof und halte mich gerne dort auf, wenn ich etwas warten muss. Für mich ist er ein großes Wohnzimmer, in dem es viel zu sehen gibt. Es ist immer was los. In Frankfurt gibt es wohl kaum einen Ort an dem so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen.
Manchmal denke ich trotzdem an die Geschichten von den Menschen, die aufs Gleis geworfen wurden und dann trete ich instinktiv einen Schritt zurück vom Gleis. Als wenn das was nutzen würde!
Täuscht es mich oder sind es verdammt viele Frauen, die es trifft? Kinder jetzt gar! Es scheinen Taten zu sein, bei denen der Täter zeigen will, dass er alles kann. Er kann einfach so das Leben nehmen. Es vernichten.
Das Leben und das Licht und das Vertrauen.
Zum Schluss bleibt nur eine panische Dunkelheit.
Die Schreie. Ich kann ich sie hören, obwohl ich gar nicht zur Tatzeit dort war.
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. In der Seniorinnen-Variate.
Es geht auf und ab. Nach hinten und nach vorne. Noch während ich Pläne mache, falle ich zurück in die Erinnerung. So ein großer Schatz voll mit Erinnerungen und Geschichten. Langsam wird mir klar, was ich da für Kostbarkeiten mit mir herumtrage.
Gestern um 22 Uhr den Fehler gemacht und die Fenster geöffnet. Falsch. Ganz falsch.
Großer Fehler. 38 Grad strömten in kürzester Zeit in meine Wohnung.
Heute Morgen um sechs Uhr 27 Grad in der Bergerstraße. Das sind nicht mehr nur tropische Nächte. Das sind mörderische Nächte. Meine kläglichen Versuche die Wohnung zu lüften würden als Slowmotion sicher bezaubernd aussehen. Aber immerhin: als ich die Wohnung verlasse zeigt der Thermostat 26 Grad. Juhu! Besser geht es nicht.
In der Arbeit ist plötzlich höchste Konzentration angesagt. Es geht mal wieder rund. Ohne offizielle Worte. Jeder schiebt jedem den schwarzen Peter zu und die Beschäftigen zittern.
Auf dem Papier wirkt die Maßnahme klein, in der Ausführung erschüttert es die Menschen.
Hab jetzt alle meine Worte in die Waagschale des Landtages gelegt. Wohlwissend, dass die Fakten rollen, auch wenn die Verantwortlichen sich in Deckung ducken.
Nachtrag: Die Tour. Fast vergessen. Die Etappe wegen Schneefall abgebrochen.
Die Hölle muss zugefroren sein. Die überhitzten Büros dürfen verlassen werden. Ich eile nach Hause in die abgedunkelte Wohnung und pflege meine innige Freundschaft mit dem Kühlakku.
Die Erinnerung an Kindertage steigt hoch, dieses Gefühl des zwanghaft eingesperrt Seins. Um die Mittagszeit durften die Kinder in unserem Wohnblocks im Sommer nicht draußen sein. Davon bekäme man einen Hitzschlag, sagten sie. Aber wir hatten nie einen Hitzschlag bei einem Menschen gesehen. Wahrscheinlich gab es den ebenso wenig wie den Kirchbaum, der aus dem Blinddarm wuchs, wenn man einen Kirschkern verschluckte.
Wir fühlten uns schwer gegängelt, getäuscht und unterdrückt in der mittäglichen Dunkelheit. Nachmittags konnten wir dann wieder raus zum Spielen. Aber im Schatten bleiben, hieß es. Sonst gibt es einen Sonnenstich.
Den Sonnenstich hielten wir für einen Vetter des Bienenstichs. Der machte uns keine Angst und ließ auf Süßes hoffen.
Mit Anlauf in den Untergang. Es gibt so viele Seltsamkeiten in dieser kapitalistisch aufgestellten Welt in der der Markt rein gar nichts reguliert.
Wenn mir die Postbotin auf ihrem Arbeitsweg begegnet, bedauere ich sie. Der Wagen, den sie vor sich herschiebt, ist vollbepackt mit Plastikscheiss. Wie kann es sein, dass die Menschen immer weniger Papierpost bekommen und die Postboten immer größere Berge hin- und herschleppen?
Jetzt lese ich in einem Artikel, dass seit 2014 Menschen versuchen, gegen diesen Plastikwahn, der sich Einkauf aktuell nennt, anzugehen. Erst mit einer Petition, aktuell mit einem Gerichtsprozess. Soweit, so verständlich und nachvollziehbar.
Aber dann folgt der Hammer: Die Post fürchtet um ihr Geschäftsmodell. Das ganze Gedöns soll einen Jahreserlös von 300 Millionen bringen.
Und genau da sind wir wieder beim altbekannten Thema. Wenn der Staat sich nicht mehr um die Infrastruktur sorgt, sondern sie als Geschäftsmodell weiterverkauft, kommt so ein Irrsinn raus. Statt Menschen mit Briefen zu versorgen, wird ein Geschäft an Land gezogen, das der Umwelt und somit uns allen schadet. Auf Kosten der Allgemeinheit wird ein Nebengeschäft kurz mit eingeplant, das einigen wenigen ein Gewinn bringt.
Wir sind schon ganz richtig auf unserem Weg: Mit Anlauf und selbstverursachten Rückenwind in den Untergang.
Hab den Fehler gemacht mir das Restwochenende mit einem Blick auf die Wettervorhersage zu vermiesen. Ja, ja ich weiß. Es ist Sommer und das soll alles so sein. Wäre ich ja auch dafür, wenn ich das mit dem höllischen Büro besser aushalten würde.
Ich komme mir ziemlich wehleidig vor mit dieser ständigen Hitze-Jammerei. Als gäbe es keine andere Sorgen auf dieser Welt. Kein Glück und kein Leid.
Schon 1992 schrieb Elena Ferrante ihren Debütroman. Er ist nicht ganz so ausuferndend wie die Neapolitanische Sage. Kompakter, aber ähnlich mitreißend.
Ganz stark finde ich die Nähszenen und das Atmosphärische in dieser Geschichte. Durch und durch geht mir die Alltagsgewalt, die sich für die Frauen nicht abschütteln lässt und den verqueren Liebesbegriff.
Spiegelung einer Hand vor einem verregneten Fenster
Den gestrigen Tag hab ich mit einem Schleifchen versehen und in die Generationenkiste gepackt. Ab jetzt wird es also ein Doppelgeburtstag sein.
Mental bin ich wieder mal im Nachdenklichkeitsmodus angelangt, er passt wohl am Besten zu mir.
Die Sprachlern-App ist jetzt von Spanisch, portugiesisch und türkisch auf französisch umgeschaltet. Ein neues Ziel im Auge. Aber vorher geht es nach Österreich zur Denkumenta.
In dieser Woche ist mir wieder mal klar geworden, wie sehr das Internet mein Bildungsmedium geworden ist.
Und was ich noch gern mag ist diese Erinnerungsfunktion. Das Abrufen der Augenblicke der Vergangenheit auf so vielen Kanälen. Das ist eine Form des Erinnerungswohlstand.