Meine Twitter-Timeline wird von Tag zu Tag belehrender. Die Wahrheiten überrollen sich geradezu und die Stimmung ist so gereizt, wie ich das im Amt nur von den Dezemberwochen kenne.
Der Grat zwischen Belehrung und Angiften oder Anpöbeln ist ziemlich schmal. Die einen sind nervös, die anderen aggressiv und zwischendrin gibt es ein paar, die gleichmäßig freundlich bleiben.
Ich habe heute ernsthaft darüber nachgedacht in Zukunft von der Selbstbezeichnung Feministin abzusehen. Menschenfreundin gefällt mir besser und für Menschenfreundinnen scheint es noch keine Theorie zu geben, die eventuell falsch oder dumm oder unintelligent ist. Auch zu den anderen Thematiken, die sich mir Diskriminierung beschäftigt, passt die Menschenfreundin.
Langsam wird mir das alles zu anstrengend. Ich bin 50+ und habe keine Lust meine Lebenszeit mit aggressiven Haarspaltereien zu verbringen. Wer mich erreichen möchte, kann das über mein Herz und meinen Verstand tun.
Alles andere betrachte ich als übergriffig.
Ich wache morgens auf, öffne die Augen und statt des Schlosses sehe ich ins Weite.

Panoramablick aus allen Fenstern. Die Seele räckelt sich behaglich. Ich bin hier, denke ich. Ich bin jetzt wirklich immer hier. Das ist meine neue Wohnung, mein neues Zuhause. Mein neues Leben.
Ich gehe ins Bad. Ich gehe in die winzige Küche und sehe auf den Balkon. Ich gehe wieder zurück an den Inselbildern im Flur vorbei, weiter ins Balkonzimmer und raus auf den Balkon. Jetzt – am Wochenende – gehe ich die ganze Zeit auf den Balkon. Immer wieder. Es fühlt sich heimelig an. Ich fühle mich wohl.
In den Zimmern hängen die anderen Bilder, alle finden so nach und nach ihren Platz. Die Stuhlskulpturen haben ihn schon beim Einzug erhalten. Sie stehen sich gegenüber – durch die gesamte Wohnung zieht sich ihr Gegenüber. Alles ist da. Ich bin bei mir.
Morgens nehme ich den Bus, gehe über die Wiese. Steige ein. Lasse mich zur U-Bahn fahren und dann geht es weiter.
Manchmal fahre ich Straßenbahn, denn die Straßenbahn zeigt die Stadt von ihrer besonderen Seite. Ich mag es durch die Stadt zu tuckern, sie mir anzusehen.
Nur vor ein paar Tagen, da hat mich die Panik gepackt. Da ging ich verloren, so plötzlich. Hab mich beim Lesen vertieft und nicht gemerkt, dass ich in die falsche Richtung fahre. Wie komme ich wieder zurück? So viel Panik in einer vergleichsweise einfachen Situation.
Wahrscheinlich ist die Angst noch sehr groß, dass dieses Leben doch noch nicht meins ist, dass mich eine Straßenbahn einfach wieder aus meinem neuen Leben hinausfahren könnte.
Ganz schön schwierig zu fotografieren. Im Original aber genauso schön anzusehen wie auf der isla volante.
Oder noch ein kleines bisschen schöner.


„Es gibt Tage, an denen man sich wünscht, es wäre jemand hier, der einem über den Kopf streicht. Egal, wie schmutzig die Hände sind, Hauptsache, sie sind groß.“
Zitat aus dem Buch „Der Winter tut den Fischen gut“ von Anna Weidenholzer
Was für ein schöner Titel! Und was für ein gutes Buch! Ich bin erst bei der Hälfte, aber ganz verzaubert von dem traurigen Text.
Das Motto der Woche könnte lauten: alles viel schlimmer als gedacht.
Die Überwachung viel schlimmer, die Kriminelle Energie der unterschiedlichen Staatsmächte viel schlimmer, die kriegerischen Aktivitäten viel schlimmer … Alles viel schlimmer als gedacht.
Im kleinen der merkwürdige Twitterauftritt eines Fakeaccounts, der einige Feministinnen Gewalt unterstellte. Die Femen-Bewegung eine weitere PR-Aktion.
Alles viel schlimmer als gedacht.
Ich hab mich diese Woche zweimal in der Raumzeit verloren. Das Ziel war klar und noch klarer der Weg dahin. Aber mein Unterbewusstes hat mich hinweggelotzt. Verirrt und verwirrt.
Als wãre es die einzige Möglichkeit zu zeigen, dass ich nicht dazu gehöre.
Nein, mir ist es nicht egal, wenn die amerikanische Regierung meint mit Erpressung Zugang zu allen verschlüsselten Daten zu erhalten. Ja, es ist gut, dass am Wochenende die Demonstration Freiheit statt Angst stattfindet. Nein, ich glaube nicht, dass wir uns wirklich wehren können. Ja, es macht trotzdem Sinn sich immer und immer wieder zu vergewissern, dass es die Idee noch gibt.
Erst wenn die Idee der Freiheit vergessen ist, bricht die hoffnungslose Zeit an.
Ich bin nicht gewillt, mich an diesem schlimmer und schlimmer zu orientieren.
In der Regel mag ich ausgedachte Geschichten und Fiktionen. Ich kann Menschen nicht böse sein, wenn sie einen ausgeprägten Hang zum Phantasieren haben und das erzählen, was andere sehr empört Lügen nennen. Die Wahrheit hat bei mir keinen hohen Stellenwert, dazu ist sie viel zu vielschichtig. Dass ich selbst so oft bei meiner Wahrheit bleibe – oder das was ich dafür halte – liegt daran, dass es mir im realen Leben zu kompliziert ist, stimmige Details von erfundenen Geschichten zu erzählen.
Ich habe eine große Schwäche für Menschen, die sich ihr Leben schön phantasieren.
Und jetzt – ihr ahnt es schon – kommt das aber. Oder das ABER. Jetzt kommt das Eingeständnis: die geballten Lügengeschichten vom rechten Rand machen mir Angst. Mit solchen erfundenen tendenziösen Mythen hat schon einmal eine Katastrophe begonnen. Faschismus ist nur mit dieser Mythenbildung möglich. Das Feindbild überzeichnen, überspitzen um damit Stimmung zu machen.
Mir wird schlecht davon.
Antje hat es endlich auch bemerkt.
Freut mich! Freut mich sehr.
Bashing ist in. Bringt Zugriffszahlen und Aufmerksamkeit. Seriös ist das nicht. Aber das wären sie ja so gerne.
Seriös zum Nullkostentarif aber mit viel Aufmerksamkeit – und dann noch die Elite.
Zum Glück fällt der Abschied oft gar nicht so schwer, wie sein Ruf Glauben macht.
Nachtrag: die Kommentare sind unterirdisch und eben kam auf die Twitter die Ansage, dass sie vorübergehend moderiert werden müssen. Erinnert an die Geister, die wer rief.
Rückendeckung gibt es auch.
Wie schön das jetzt ist nach Hause zu kommen! Ich geniese mein neues Leben, obwohl ich noch gar nicht richtig weiß, wie der Alltag aussehen wird. Ich freue mich darauf, ihn zu entdecken. Schritt für Schritt. Für Schritt.
Die Erkenntnis ist nicht neu. Aber ich mache sie immer wieder sooo gerne: wichtiger als jede Theorie sind die Menschen.
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Lagerfeuerromantik öffnet das Herz. Jedenfalls ist das bei mir so. Unvorstellbar in dieser Situation, dass es Menschen sind, die sich für Krieg entscheiden. Unvorstellbar, dass es Menschen sind, die andere vernichten wollen, um einen kleinen Vorteil für sich selbst herauszuholen.
Vorstellbar für mich: dass es eine andere Welt gibt.
Nicht nur am Lagerfeuer.

Claudia September 1st,2013
Fühlen,
Gedanken,
Leben | tags:
Denkumenta |
2 Comments
Nachdenken. Bei mir immer auch ein nachfühlen. Mich vergewissern und dann träumen.
Manchmal in dieser Reihenfolge. Manchmal auch anders.
Gutes Leben heißt für mich: Raum und Zeit zum Denken und zum Träumen zu haben. Ganz entschieden.
Genießen sei wichtig, heißt es. Kann sein, muss nicht sein für mich. Ich bin mir am nähesten, wenn ich mich verlieren kann.
Auf ein gutes Leben –
für alle!